Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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MILLY STEGER—BERLIN. »MADCHEN AUS TUNIS«

BEZIEHUNG AUF DEN MENSCHEN.

Was in der Kunst- und Geistäußerung des
Heute geschieht, läßt sich auf die Formel
bringen: der Mensch wendet sich der Welt, die
Welt wendet sich dem Menschen wieder zu. Ich
sah jüngst ein neues Schulbuch. Darin waren
auch Bilder. Aber alle Bilder waren von Ludwig
Richter, und ich kann das unvernünftige Ver-
gnügen nicht beschreiben, das ich beim Betrach-
ten, nein: beim Nachlesen dieser Bilder empfand.
Siehe da, sagte ich mir, da gibt es Ringelreihen
von Kindern, Dörfer mit Kirchtürmen, Menschen
und Tiere, Wanderer und alte Hausmütterchen;
aber diese ganze Welt von Gestalten ist lesbar
und deutlich wie ein fein geschriebener Text.
Man versteht diese Gestalten wie alte Bekannte,
die unsre eigene Mundart sprechen. Man weiß,
was sie tun, es ist alles greifbar wie ein frischer,
rotbäckiger Apfel, und auch so eßbar wie er.
Da gibt es Wirklichkeit und Poesie, da wird die
Welt erzählt von einem, vor dem sie aufge-
schlagen lag wie ein sauberes Buch. Freilich, in
dieser Welt gibt es befremdlich wenig Schatten;
das Dunkle ist noch angebunden, alles ist wun-
derbar an die Oberfläche gedrängt. Die Welt
schmeckt da noch süß, wie sie den Kindern
noch, und den ganz alten Menschen vielleicht
wieder schmeckt. Es ist Märchenwelt. Und wir,
wir sind ungemein erwachsen und haben eine
gewisse Lust nach bitteren, dunklen Beimischun-
gen in der Kunst. Gut, das mag so sein. Aber
es ist und bleibt bei allen Mängeln herrlich, daß
man diese Zeichnungen lesen kann, wie leichte,
schöne Lieder. In allen Linien ist eine Liebe
und Mitteilsamkeit, die das Auge bezaubern.
Und wir erinnern uns: so viel Stoff, so viel
Wahrheit hatte die Welt auch einmal für uns; wir
müssen nur zurückdenken und uns erinnern.

Es kennzeichnet die Lage der Kunst in den
letzten Jahrzehnten, daß wir das Illustrieren fast
ganz verlernt hatten. Wir hatten eben nichts
mehr zu erzählen, und das kam daher, daß wir
uns nicht mehr für die Dinge interessierten, die
wir sahen, noch für die Menschen, an die sich
unser Wort hätte wenden können. Wir haben
ja auch das Brief schreiben verlernt. Und was
ist denn die Kunst, wenn sie nicht mehr mit-
teilt: Höre du, ich habe gesehen, ich habe ge-
hört? Da sind wir zu den sonderbarsten Mei-
stern in die Lehre gegangen, zu den Schwarzen,
Braunen und Gelben; bis ganz zu den histori-
schen Uranfängen haben wir uns zurückgetastet.
Um an die Quelle zu kommen. Aber dabei sind
wir achtlos an der Quelle vorübergegangen, die
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