Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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amadeo modigliani.

»liegender akt«

VOM GEIST DER LINIE.

Die Linie ist in der Kunst das geist verwandte,
das wortverwandte Element. Sie drückt
den Geist in seiner betonten Unterschiedenheit
vom Naturleben aus. Ihr liegt Bewußtsein zu-
grunde. Sie ist geistige Prägung, Formel; sie
ist zeichenhafter, nicht eigentlich wiedergeben-
der Natur. Sie ist Ausdruck eines Sieges, den
der Geist über eine Naturgegebenheit errungen
hat. Das kann ein Sieg sehr hoher Art sein:
Durchsetzung des weltüberwindenden Logos,
freies Hervortreten der sieghaften Form aus
den Wirrungen des Zufälligen. Es kann aber
auch ein Sieg minderer Art sein: geistreiches,
pikantes Abseitsstehen des Bewußtseins, kühle,
preziöse Feindschaft gegen Stoff und Affekt,
vornehme Scheu, sich mit den Dingen tiefer
einzulassen, oder lächelnde, gesellschaftliche
Ichbehauptung. In jedem Falle aber steht Linie
dem Wort nahe, wie die Farbe dem Ton.

Die Linie tritt daher gerne auf in Zeiten
später Kultur, d. h. da, wo der Mensch sich
gegen das Dunkle und Unwillkürliche sauber
hat abgrenzen lernen und zum Bewußtsein er-
wacht ist; wo er die Welt auf sehr bestimmte
Weise gefaßt und reife, fertige, ausgetrocknete
Formen aus sich herausgestellt hat.......

Die Linie wird ferner bedeutsam in Zeiten,
denen der Vorrang des Geistes etwa nach der
religiösen Seite hin wichtig geworden ist. Alle
religiöse Kunst im modernen Sinne, d. h, alle
Kunst, die es mit Geistesreligion, nicht mit
Naturreligion zu tun hat, strebt insgeheim zur
Linie; denn sie will ja den Primat des Logos
darstellen, der des Unwillkürlichen, Triebhaf-
ten und Verwirrten Herr geworden ist.

Die Linie ist immer zugleich Grenzlinie:
sie trennt, sie setzt ein „Bis hierher und nicht
weiter" fest. Sie ist Werkzeug der Begriffs-
bildung, Anzeichen einer Besitzergreifung,
einer Unterwerfung. Und ferner ist sie Werk-
zeug des Willens, der sich herrisch im Men-
schen erhebt, der überzeugen, überreden, sich
durchsetzen will. Die Linie ist das Erzählende,
das Mitteilende, das erörternde Mittel in der
Kunst. Sie hat auf niederer Ebene den illu-
strativen, auf höherer Ebene den grenzsetzen-
den, festmachenden Zug. Sie vertritt in der
Kunst letzten Endes den eigentlich mensch-
lichen, der Natur enthobenen Anteil, während
in der Farbe auf der Höhe ihrer Möglichkeiten
das Sinnliche, Elementare und Paradiesische
der Schöpfung lebendig ist........t. h.
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