Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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ARCHITEKT FRITZ AUG. BREUHAUS.

»WARTERAUM IM I. OBERGESCHOSS«

EINDRÜCKE IN PARIS.

VON PROF. PAUL SCHUBRING.

Dante-Studien veranlaßten mich, im Juli
vorigen Jahres eine Reise nach Paris zu
übernehmen. Ich bin auf der Bibliotheque Na-
tionale im Manuskriptensaal aufs freundlichste
aufgenommen worden und habe meine vier
Codices in Ruhe durchstudieren können. Die
Bibliotheque Doucet, das Eldorado jedes Kunst-
historikers, war leider geschlossen. Aber ich
hatte in den drei Wochen genug zu tun, um
alle Eindrücke zu berücksichtigen.

Man sieht nach 15 jähriger Pause die Dinge
neu, anders und schärfer. Die schmerzlichen
Erfahrungen drängen uns, die Psyche des Fran-
zosen genauer zu beobachten, die andersartige
Einstellung zu motivieren, die Überlegenheit,
wo sie vorhanden ist, rückhaltlos einzugestehen.
Der Haupteindruck dieser Reise war für mich:
es gibt nicht leicht wieder zwei benachbarte
Völker, die in ihren Gaben und Grenzen so
auf Austausch angewiesen sind, wie Deutsch-
land und Frankreich. Ich meine alles in Bezug
auf die sog. geistige Kultur; vom Technischen
und Wirtschaftlichen verstehe ich nichts. Geistig

hat uns der Engländer nichts Entscheidendes
zu bieten; der Italiener viel mehr, aber die
Alpen und die Sonne trennen zu stark. Deut-
sche und Franzosen sind an der modernen
Kultur doch wohl am stärksten beteiligt. Jedes
Volk sagt, es habe den wichtigeren Beitrag ge-
liefert. Diese Frage soll hier nicht diskutiert
werden, sondern die andere, was der Deutsche
empfindet, der wieder im Tuileriengarten steht
oder nachdenklich auf die Seine blickt.

ParisI — Gewiß steht die Kultur des Auges
und der Nerven, des Umgangs und der Grazie
im Vordergrund; es handelt sich dabei um die
Dinge, die man zeigen kann. Ausdauer, Hin-
gabe, Askese gibt es in jedem Volk, vielleicht
besonders viel beim deutschen, aber die sieht
man nicht. Ist es nun eine Unwahrhaftigkeit,
in der Stadt, die alle Erdteile zu Gaste lädt,
diese Tugenden verfeinerten Umgangs beson-
ders herauszustellen? Keineswegs, Man hat
eben erkannt, daß größte Höflichkeit am besten
hilft, all die drohenden Kollisionen im Getüm-
mel dieser Straßen und Autos mit heiterem
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