Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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JOSEF CSÄKY.

Seit dem Impressionismus war das Bestreben
der europäischen Kunst im allgemeinen auf
eine fortschreitende Lockerung und Entfessel-
ung, schließlich auf die vollständige Auflösung
der Form gerichtet. Farbe und Raum verdräng-
ten das klare und geschlossene Gestalten des
Körperhaften, Gegenständlichen. EineEntwick-
lung, die für die Malerei zwar beispiellos frucht-
bar gewesen sein mag, der Plastik aber beinahe
alles nahm, was zu ihrem eigentlichen Wesen
gehört. Die moderne Kunst hat weder in ihrer
expressionistischen, noch in ihrer kubistischen
Zuspitzung eine wirklich bedeutende Plastik
hervorbringenkönnen. So weiteshervorragende
PJastiker der Zeit gibt, stehen sie außerhalb
jener Richtungen. Auch die Werke Archipen-
kos verlieren in dem Maße an künstlerischem
Wert, in dem sie sich zur Problematik kubisti-
scher Abstraktionen zerschichten. Ähnliches
gilt von Belling und Zalit. Der Pariser Lipschitz
vollends kann höchstens als warnendes Beispiel
für das unbefugte Übertreten der Grenzen der
Plastik gelten.

Wie steht es nun mit Csäky? Es ist bedauer-
lich, daß keine von den drei Abbildungen eine
Probe aus seiner kubistischen Zeit liefert. Denn
ein Blick auf diese Zeit würde das Gefühl für die
plastischen Werte der neueren Arbeiten be-
deutend vertiefen. Csäky hat nämlich selbst
als Kubist noch die organisch abgerundete und
geschlossene Einheit der plastischen Masse zu
bewahren gewußt. Die flächigen Einkerbungen
und Durchquerungen, die Achsenverschieb-
ungen, mit denen er nach kubistischer Art ge-
gen diese Masse arbeitete, dienten sozusagen
als Belastungsproben des Plastischen. Der pla-
stische Körper wurde nicht etwa in eine lok-
kernde Hülle von Modulationen gekleidet. —
Was da an Gliederungen aus der Masse her-
ausragte oder in sie hineindrang, war eine
strenge Kontrapostierung, Zernierung des
plastischen Kernes. Eine Fassung, die vom
Räume her gegen diesen Kern vordrang, ihn
von allen Seiten teils zu stützen, teils zu spal-
ten hatte. In ein System von dekomponieren-
den, einanderwiderstrebendenKräf tengespannt,
konnte die Plastik lediglich durch äußerste
Konzentration und Vereinfachung ihrer selbst
bestehen. Ihre Grundform wurde zum Zylin-
der, zur Kugel, zum Ei. In diesem Sinne war
der Kubismus für Csäky eine ausgezeichnete
disziplinierende Vorschule zur Klassik seiner

neueren Werke. Der Künstler lernte es, seine
Werke auch heute noch als spannungsvolle
Einheiten elementar plastischer Formen zu ge-
stalten, wo sie von neuem zur Naturdarstellung
zurückgekehrt sind. Wie intensiv plastisch er
fühlt und gestaltet, läßt sich von den abgebil-
deten Arbeiten besonders an der „Taube" er-
messen. Diese Kleinplastik, eine glückliche
Synthese von Organik und Abstraktion, ist
schwellend warme Natur, ohne sich in fließende
Grenzen zu lösen. Ihre gesammelte und klar
gegliederte Masse wirkt als vollkommenste Ge-
schlossenheit, bis ins Kleinste erfüllt von der
Massivität und Schwere des edlen Materials.
Jede Arbeit Csäkys ordnet sich, von welcher
Seite man sie auch betrachten mag, zu einer
klaren und dekorativen Komposition schön-
geschwungener, mitunter archaisch beeinflußter
Linien, die das baugesetzlich Notwendige mit
einer zarten Ornamentik der Flächenbehand-
lung vereinen. — Dieser Plastiker hat Quali-
täten, die bei seiner ungarischen, also eigent-
lich zu sinnlichen Lockerungen und Üppigkeiten
verleitenden Herkunft sicherlich erstaunlich
wären, würden sie nicht in einem langjäh-
rigen Pariser Aufenthalt ihre offenkundige Er-
klärung finden......... . ernst källai.

£

Wir sind berechtigt, das Kunstwerk für
den persönlichen Lebensausdruck seines
Schöpfers zu halten, und zwar für einen per-
sönlichen Ausdruck, der überpersönliche Be-
deutung hat. Die geistig regen und erregenden
Gestalterkräfte, die aus einem künstlerischen
Gebilde zu uns sprechen, — sei es als bewußtes
oder unbewußtes Wissen um Sternengang und
Menschwerdelust, als geheime Kunde um die
innigsten Lebensbeziehungen der Geschöpfe auf
Erden, als tiefe Weltdeutung, sei es als Not-
schrei und Kampfansage gegen das Schicksal, als
Wille zur Ichgestaltung oder Selbsterlösung, als
Aufruf, Drang und Traum zu einem Höheren,
als Beweis und Zeugnis großer und weiter
Liebe, — alle diese Mächte haben in ihren Ver-
lautbarungen den Stempel ihres Mittlers, tra-
gen sinnfällig aufgeprägt die Charakterzüge der
Persönlichkeit dessen, der sie im Schaffensakt
formte und band. Jedes echte Kunstwerk ist
eine wesentliche und gegenwärtige Antwort auf
die ewige Frage nach Sinn und Sein j eine Ant-
wort, wie sie so unter Allen nur Einer, eben
der betreffende Künstler, zu geben weiß. sch.
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