Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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Zur modernen Kunstbetrachtung.

tatsächlich im Nächsten und Greifbaren wohnen.
Alles Große und Geistige soll nur in echter
Lebensbindung erscheinen; in unserm Bewußt-
sein hat es normalerweise nichts zu suchen,
höchstens im Bewußlsein der Fest- und Feier-
tage unsres Geistes, wo wir der großen Zusam-
menhänge, in denen wir stehen, wieder gewiß
werden dürfen. Wir sollen die Grenzen zwi-
schen den Geistesgebieten nicht verwischen.
Die Unterschiede sind schließlich wichtiger als
die Identitäten. Es ist unschicklich, das Heilige
und Große bei allen Gelegenheiten hereinzu-
ziehen; wir dürfen uns begnügen damit, daß
wir jederzeit redlich unsre Arbeit tun und ge-
wissenhaft an dem Ort aushalten, an den wir

gestellt sind..........Wilhelm michel.

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VOM ÜBERPERSÖNLICHEN WERT.

Es scheint zu den heiligsten Grenzsetzungen
des Lebens überhaupt zu gehören, daß der
Künstler alles, was er zu sagen hat, nur auf seine
eigne Weise, mit den Mitteln und Möglichkeiten,
die gerade ihm gegeben sind, aus dem Gesichts-
punkt eines Weltbegreifens, der sein ganz per-
sönlicher ist, sagen kann. Er vermag es nicht
anders, er muß seinen Geschöpfen seine eigne
Artung mit ins Leben geben. Absolut gespro-

chen kann in der Kunst ein Ewig-Gültiges nicht
allgemein gültig ausgedrückt werden, sondern
nur persönlich. Durch diesen Umstand ist die
Daseinsberechtigung der Kunst für alle Zeiten
gewährleistet und verbürgt. Andernfalls wäre ja
schon mit Gestaltung der ersten Kunstwerke die
Entwicklung auf allen Gebieten abgeschnitten.
Der überpersönliche Wert, den sein Werk
hat, ist es, der den Künstler vom Dilettanten,
das verantwortliche, gesinnungshafte Schaffen
des Begnadeten vom spielerischen Bosseln des
Privatmanns, das schöpferische Tun von der
liebhaberischen Betätigung unterscheidet. Na-
turgemäß wird der Künstler in seinem Schaffen
nach diesen überpersönlichen Werten streben;
es liegt in der Natur der Sache, daß er dies nur
durch treue und sorgfältige Pflege seiner Per-
sönlichkeitkann. Die Wablbreithin anregender
Stoffe zur Gestallung hilft ihm hierbei nicht;
der Gehalt an Menschlichem ist wichtiger als
der allzumenscbliche Inhalt, das Entscheidende
über den Wert einer Gestaltung liegt in der
Intensität an Persönlichem, mit der der Vor-
wurf angepackt, durchdrungen und gestaltet ist.
Kunstschaffen, meint Schiller, sei ein morali-
sches Geschäft. Der persönliche Lebensaus-
druck einer unzulänglichen Person hat sicher
keinen überpersönlichen Wert......h. sch.

CARL MENSE—MÜNCHEN. »AKTSTUDIE«
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