Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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ECHTE KUNST, EINES LIEBENDEN KUNST.

VON WILHELM MICHEL.

Echte Kunst ist eines Liebenden Kunst",
sagt Martin Buber in einem Buche, das
„Ereignisse und Begegnungen" betiteltist. „Der
solche Kunst treibt, dem erscheint, da er ein
Ding der Welt erlebt, die heimliche Gestalt des
Dinges, die keinem vor ihm erschien, und auch
er sieht sie nicht, sondern er fühlt ihren Umriß
mit seinen Gliedern, und ein Herz schlägt an
seinem Herzen. So lernt er die Herrlichkeit
der Dinge, daß er sie sage und lobpreise und
die Gestalt den Menschen offenbare". Was
der gemeinhin verständige Mensch bei seinem
Weltbetrachten aushebt und zusammenbringt,
„das ist ewig nur die Passivität der Dinge. Ihre
Aktivität aber, ihre wirkende Wirklichkeit offen-
bart sich einzig dem Liebenden, der sie er-
kennt". Wie dieses Erkennen, das kfin stierische
und liebende Schauen beschaffen ist, beschreibt
Buber an anderer Stelle:

„Es gibt eine gemeine Wirklichkeit, die hin-
reicht, damit die Dinge verglichen und eingereiht
werden. Aber ein andres ist die große Wirklich-
keit. Und wie könnte ich sie meiner Welt geben,
als indem ich das Gesehene mit aller Kraft meines
Lebens sehe, des Gehörte mit aller Kraft meines
Lebenshöre, das Getastete mit aller Kraf tmeines
Lebens taste? Als indem ich mich über das er-
lebte Ding neige mit Inbrunst und Gewalt und
die Schale der Passivität mit meinem Feuer
schmelze, bis mir das Gegenübertretende, das
Gestalthafte, das Schenkende des Dinges ent-
gegenspringt und mich umfängt, daß ich darin
die Welt erkenne?"

Man muß in der Tat zu so starken, eindring-
lichen Worten greifen, um den außerordentlichen
Kontrast zwischen dem äußeren Wahrnehmen
und dem liebenden, ereignishaften „Sehen" des
Künstlers einigermaßen darzustellen. „Die Natur
lieben I", ruft ein großer Maler einmal aus, „was
heißt das: die Natur lieben? Wenn dir der
Anblick eines Naturdings nicht eine Herzblut-
welle von Entzücken durch die Adern treibt,
als fändest du unvermutet irgendwo den Hand-
schuh oder das Haarband der heißgeliebten
Frau — dann hast du wahrlich kein Recht, von
deiner Liebe zur Natur zu sprechen".

Einem Ding begegnen, das heißt für den
Künstler „Sehen". Seine Gewalt, sein einma-
liges Leben spüren; sein inneres Wollen, seine
geschöpfliche Individualität stark erfahren, so-
daß man sich in der Gegenwart dieses Dinges
fühlt wie in der Gesellschaft eines atmenden,

verstehenden Wesens — solcher Art ist das
Sehen des Künstlers. Das ist keine Sache der
Aufmerksamkeit, keine bloße Schärfung der
Beobachtung. Das ist staunende, entdeckende,
Leben ausbrütende Liebe, und man merkt ihr
Walten sehr deutlich in aller kraftvollen Kunst,
die uns betroffen, beglückt, bestürzt vor blik-
kende, atmende, sprechende, tönende Dinge
führt. Darin liegt vor allem, daß der Mensch
unzweideutig über sein Ich hinausgeführt wird.
In jener Art des „Sehens", von der wir spre-
chen , wird das unzweifelhaft Andere entdeckt.
Die fremde Existenz, die entschieden nicht Ich
ist, wird mit einwandfreiester Deutlichkeit er-
fahren. Der furchtbare, lebengefährdendeTrug,
daß wir nur unser Ich fühlen, daß uns die Welt
nur als eine Spiegelung, ja als ein Erzeugnis
unsres Geistes erscheint, wird dadurch resolut
durchbrochen. Unser Zeitalter hat diesen Trug,
in den uns namentlich die idealistische Philo-
sophie zu stürzen begonnen hat, bis in seine
letzten, bedrohlichsten Erscheinungen durch-
lebt. An seine Stelle tritt im künstlerischen
Sehen die unwiderlegliche Überzeugung von der
Realität des fremden Geschöpfs. Die Einsam-
keit des Ichs lebt sich auf, kraftvoll und neuge-
boren tritt es aus seiner Burgin die uferlose, von
lauter unanzweifelbaren Geschöpfen erfüllte
Welt. Es erfährt die echte Beziehung, es erfährt
die Liebe. Man sagt zwar, die Liebe mache blind.
Das ist ein rechtes Philister-Sprichwort. Der
Haß ist es, der blind macht. Er schließt alles
zu: die Seele, das Auge, die Natur, die Men-
schen. Er tötet alles ab, er läßt nur das kalte,
strenge Ich bestehen. Alle Dinge werden unter
dem Blick des Hasses arm und tödlich nüchtern;
ihre Form wird trocken und läppisch, die Far-
ben welken ab, in ihrem Innern stirbt die Freude
und die Würde, sie werden zu einer sinnlosen
Anhäufung von Materie. Die Liebe aber macht
das Unscheinbarste reich an allen guten Gaben:
an Schönheit, Wert und Sinn. Liebe, die aus
einem Menschen kommt, ist für das betrachtete
Ding genau dasselbe, was die Sonne für pflanz-
liche Geschöpfe ist. Sie schließt ebensosehr
das betrachtende Auge wie das geschaute Ding
auf. Im Sehenden wie im Gesehenen erwacht
unter ihrem Walten das Leben und strömt mit
einer tiefatmenden Freude in einander über.
Jedesmal, wenn das geschieht, hat die große
Welt eine Feierstunde; die Wesen neigen sich
einander zu und begehen die uralte Versöhnung.
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