Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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PROF. G. A.
MATHEY.
ILLUSTRATION
»LIEBES VERSE«

DIE NEUE SACHLICHKEIT.

Die Feststellung einer neuen Tatsachenwelt
ist im Gang. D. h. es gibt eine Reihe von
Malern, die jenseits des schroffen, weltlosen
Idealismus, wie ihn das letzte Jahrzehnt deut-
scher Malerei ausgebildet hatte, eine neue Ding-
lichkeit entdeckt haben: „ Entdeckt", d. h. nicht:
mit Augen und anderen Sinnen wahrgenommen;
denn für die Sinne hat es selbstverständlich die
Naturwirklichkeit immer gegeben. „Entdeckt"
heißt vielmehr, daß diese Maler zur Welt der
objektiven Dinge ein neues geistiges Verhält-
nis gewonnen haben. Die Dinglichkeit der Dinge
wird von ihnen wieder als eine feste, psychische
Tatsache, nicht als ein bloßer Schein, anerkannt.
Eine Ausstellung „Die neue Sachlichkeit", die
Gustav Hartlaub in der Mannheimer Kunsthalle
veranstaltet hat, bringt dies zum ersten Male
zur ausstellerischen Verlautbarung.

Halten wir vor allem das eine fest: Es handelt
sich um eine neue Sachlichkeit. Es handelt sich

keineswegs um eine Rückkehr zur Sachlichkeit
der vorexpressionistischen Zeit. Es handelt sich
um die Ding-Entdeckung nach der Ich-Krise.
Es handelt sich um eine WeltergreifuDg nach
jener wichtigen Wandlung, die das schroff ide-
alistische Zwischenspiel des letzten Jahrzehnts
herbeigeführt hat. Dies muß festgehalten wer-
den, weil hie und da die künstlerische Reaktion
den Versuch unternimmt, die Sachlichkeit von
vorgestern als eine „neue Sachlichkeit" in eine
gewisse Gegenwarts-Geltung einzuschmuggeln.
Das ist ein unerlaubtes Beginnen. Kanoldt und
Stuck, Dix und Spiro, Grosz und Hengeler,
Mense und Heilemann sind nach wie vor durch
Welten getrennt, schon dem geschichtlichen Orte
nach, an dem sie stehen: die einen vor der Ich-
Krise, die anderennach ihr. Die neue Sachlich-
keit ist in keiner Hinsicht ein Zurück; sie ist ein
Vorwärts, dessen einziges we s e n 11 iche s Merk-
mal in der durchgemachten Wandlung liegt.

XXVIII. August 1M5. 5
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