Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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eugen zak-paris.

gemälde »badende«

EWIGE ROMANTIK.

Niemals, ihr Menschen, wird das Romantische
sterben. Es wird an Raum, an Geltung, an
Nachdruck gelegentlich einbüßen. Aber es wird
immer wieder aufklingen, so lange die Idee der
Freiheit lebt, solange die Frühlingswinde mit
frischbelaubten Baumzweigen spielen und die
Natur den Menschen in den ewigen, heiteren
Festzug der Geschöpfe hereinzuziehen strebt.

leb sehe durch das Fenster in Hof und Gar-
ten hinaus. Um mich her reden alle Dinge von
Absicht, Nutzen, Wille, Zweck. Aber draußen
ist helle Luft und Sonne, und beide haben aus
den altvertrauten Dingen, die ich schon so oft
gesehen habe, ein ganz neues Bild gedichtet. Ein
Hinterhaus blickt mit epheuumsponnenem Fen-
sterchen zu mir her, ein anderes steht quer dazu
und rechts und links hinter ihm ist eine Viel-
zahl von Dächern, Brandmauern, Baikonen, da-
rüber der Himmel, blau wie das schönste Ver-
gißmeinnicht. Dazwischen aber wächst und
sprießt es tausendfach, und die Bäume, die über
alle Giebel hängen, die Glyzinen, die Kastanien-
blüten, die jungen Pappeln, die tausend Ranken,
die an Fenstern, Giebeln und Schornsteinen
hochziehen, machen das Ganze zum Garten.

Vor den Mansarden nicken und picken die Tau-
ben, ein wunderbares glasklares Echo verstärkt
die perlenden Vogelstimmen. Reizvoll mischen
die kleinen Fenster, besonders die der Mansar-
den, Vorstellungen von erggefaßtem, friedlichem
Menschenleben hinein. Dazu ein wundervoller
Dialog von Sonnenlicht und kühlem, grünem
Schatten, lauter klare, pralle Formen, saftige
Körper, genaue Geraden aus Stein unter rund
ausgeschwungenen Kurven von aufstrahlenden
Wipfeln oder hängenden Zweigen,

Er ist ein reinrassig romantisches Bild, ein Bild
von vollem, freiem, dichterisch gesehenen Leben
der Geschöpfe. Es ist kein Spitz wegund kein Lud-
wig Richter, kein Eichendorff und kein Schwind;
es ist viel weniger „literarisch", es ist das un-
mittelbare Wort von der geschöpfliehen Frei-
heit, von dem entzückenden Nebeneinander von
nüchternem Zwang und lächelndem Traum. Es
ist die unsterbliche, die ewige Romantik, die
dichterische, beseelte Stunde des Menschen-
herzens, die immer wieder in den Werktag des
Daseins eintreten wird, damit wir inmitten
unserer harten, selbstgeschaffenen Welt den
Frieden der Urheimat nicht vergessen. . , h. r.
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