Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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OBJEKTIVE UND SUBJEKTIVE PERSÖNLICHKEIT.

Während des Werdeprozesses des Kunst-
werks unterließt der Künstler zwei grund-
sätzlichen Befangenheiten gegenüber dem Ge-
genstand, den er gestaltet. Diese Befangen-
heiten sind beide durchaus bewußte Mächte.
Die eine ist das Streben nach Objektivität,
die andre der Drang zur naiven Subjektivität.
Das große „Wie-ich-es-sehe" steht gegen ein
ebensogroßes „Wie-es-ist" auf, die zu gestal-
tende Welt ist unerbittlich entzweit, nach Aspek-
ten gespalten, die keine übergeordnete An-
schauung ganz zu versöhnen imstande scheint.
Der Künstler steuert zwischen Scylla und Cha-
rybdis, er darf sich weder von der einen, noch
von der andern Strudlung ins Fahrwasser reißen
lassen, seine ganze Bemühung wird sein aus
dem Bereich der beiden Fahrtungeheuer heraus-
zukommen in die freie See, wo für ihn als ein-
ziges Geheiß das „Wie-ich-es-gestalte" gilt.
Wenn es gilt, diese beiden Kräfte zu unter-
suchen, so stellt sich gar zu bald heraus, daß
das ausschließliche Eingehen weder auf die eine

noch auf die andere Tendenz jemals realisiert
werden konnte. Absolute Gegenstandstreue
unter absoluter Selbstaufgabe hat es — so sehr
dies in ganzen Läuften der Kunstentwicklung
gefordert wurde — im Kunstwerk niemals ge-
geben. Bestände die Forderung heute noch,
so wäre zum Beispiel die Malerei durch die
Erfindung der Photographie hinfällig geworden,
ihrem Sinn nach erledigt. Absolute Subjekti-
vität dem Objekt gegenüber ist niemals gefor-
dert worden; als die Zeit für solche Probleme
reif war, gab man die Objekte überhaupt auf,
und malte, wie zum Beispiel die Ultramodernen
im vorigen Jahrzehnt, abstrakt. Aber bezeich-
nenderweise gelang auch hier ein absoluter
subjektiver Ausdruck nie. Die philosophischen
Unterlagen dieser Postulate sind einfach. Eine
absolute Objektswelt gab es schon Jahrtausende
vor Einstein nicht, so sehr sie auch gelegentlich
geglaubt wurde. Und eine absolute Subjekti-
vität existiert ebensowenig. Kein Menschen-
wesen auf der weiten Welt ist so vereinzelt,
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