Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 56.1925

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PAUL GAUGUIN ÜBER VINCENT VAN GOGH.

BERECHTIGTE ÜBERTRAGUNG VON JOSEF KALMER.

Schneefall setzt ein, das ist der Winter. Die
armen Leute leiden. Oft begreifen das die
Satten nicht. — Und an diesem Dezembertage
hasten die Fußgänger in der Rue Lepic unserer
guten Stadt Paris noch mehr als gewöhnlich.
Zwischen ihnen beeilt sich ein Frierender, wun-
derlich durch seinen Anzug, die Vorstadt zu er-
reichen. Umhang aus Ziegenleder, Pelzmütze,
struppig — der rote Bart. Wie ein Viehtreiber.
Er heißt Vincent van Gogh.
Hastig tritt er bei einem Händler von exoti-
schen Waffen, altem Eisen und billigen Ölbildern
ein. Armer Künstler, du hast ein Stück deiner
Seele hergegeben, als du dieses Bild, das du nun
verkaufen willst, gemalt hast! . . Ein kleines
Stilleben ist es: rosa Krabben auf rosa Papier.

„ Können Sie mir für diese Studie ein wenig Geld
geben, damit ich meine Miete bezahlen kann?"

„Mein Gott, lieber Freund, die Kundschaft
wird anspruchsvoll, sie verlangt von mir billige
Millets. Außerdem, wissen Sie", fügt der Händ-
ler hinzu," Ihr Bild ist nicht sehr heiter. Der
Markt ist heute mehr für Renaissance. Schließ-
lich, man sagt, daß Sie Talent haben, und ich
will etwas für Sie tun. Nehmen Sie diese hun-
dert Sous."

Und die runde Münze klirrte auf den Laden-
tisch. Vincent van Gogh nahm, ohne zu murren,
das Geldstück, dankte dem Händler und ging.
Mühsam zog er die Rue Lepic wieder hinauf.
Als er fast vor seiner Wohnung angelangt war,
lächelte eine arme Kleine, vielleicht gerade aus
dem Saint-Lazare-Hospital entlassen, dem Ma-
ler zu. Sie lud ihn ein. Unzweideutig. Die schöne
weiße Hand fuhr aus dem Mantel. Vincent van
Gogh hatte viel gelesen, er dachte an die Dirne
Elisa, und sein Fünffrankenstück gehörte schon
der Unglücklichen. Schnell, als ob er sich seiner
guten Tat schämte, entfloh er. Mit leerem Magen.
Später.

Ein Tag wird kommen und ich sehe ihn, als
ob er schon gekommen wäre. . . Ich trete in
den Saal Nr. 9 des Hotel Drouot ein. . . Der
Auktionator versteigert eine Gemäldesammlung:
„400 Franken, die rosa Krabben, 450 . . .
500 . . . Nur zu, meine Herren! Es ist mehr
wert! Bietet niemand mehr? . . . Zugeschla-
gen, die rosa Krabben von Vincent van Gogb.„

... Im Atelier ein paar grobe eisenbeschla-
gene Schuhe, ganz abgetragen, mit Schmutz be-
deckt ; er machte daraus ein einzigartiges Still-
leben. Ich weiß nicht, warum ich vermutete, daß

sich an diese alte Reliquie eine Geschichte
knüpfe, und eines Tages wagte ich es, ihn zu
fragen, ob er einen Grund habe, sorgfältig Dinge
aufzuheben, die man für gewöhnlich dem Lum-
pensammler in den Korb würfe.

„Mein Vater, sagte er, war Pastor, und ich
studierte Theologie, um mich für den Beruf vor-
zubereiten, den ich, meines Vaters Verlangen
entsprechend, ergreif en sollte. Als junger Pastor
ging ich eines Morgens fort, ohne meine Familie
zu benachrichtigen, um nach Belgien zu gehen,
in die Fabriken, und das Evangelium zu predi-
gen, nicht so wie man es mich gelehrt, sondern
so wie ich es begriffen hatte.

Diese Stiefel haben, wie Sie sehen, die Stra-
pazen jener Reise brav durchgehalten.

Meine Worte lehrten die Weisheit, den Ge-
horsam gegen die Gesetze der Vernunft und des
Gewissens und, überdies, die Pflichten des freien
Menschen. Man glaubte an Aufruhr gegen die
Kirche. Es war ein Skandal. Mein Vater berief
einen Familienrat, um mich wie einen Verrück-
ten einsperren zu lassen; ich verdanke es meinem
älteren Bruder, dem guten Theo, daß man mich
in Ruhe ließ, aber ich mußte natürlich aus der
protestantischen Kirche austreten.

Damals ereignete sich durchschlagende Wet-
ter ein furchtbares Grubenunglück. Die Ärzte
halfen den Verwundeten, von denen man glaubte,
daß sie am Leben bleiben könnten. Die anderen,
die doch sterben mußten, überließen die Ärzte,
überwältigt von der Arbeit, ihren Leiden.

Einervon den Leuten stöhnte in einem Winkel,
das Gesicht von Blut überströmt, den Schädel
von Kohlensplittern zerfetzt. Ich hätte ihn retten
mögen, ich, der Arzt der Seele. „Unnötig", rief
der Arzt des Leibes, „dieser Mann ist verloren,
wenn nicht vierzig Tage lang jede Minute je-
mand ihn pflegt; und die Gesellschaft ist ~M
reich genug für solchen Luxus."

Ich wachte einen ganzen Monat lang bestän-
dig an seinem Bette, ich wusch seine Wunden,
ich bat ihn, zu leben. Er wurde geheilt. Und
ehe ich Belgien verließ, hatte ich vor diesem
Mann, der auf seiner Stirn eine Reihe von Nar-
ben trug, die Vision, ich hatte die Vision des
auferstandenen Christus."

Und Vincent nahm die Palette wieder auf; er
arbeitete schweigend weiter. Neben ihm eine
weiße Leinwand. Ich begann sein Portrait, auch
ich hatte die Vision eines Christus, der die Güte
und die Demut predigt.......paul gauguin.

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XXVIII. Juli 1925. 2'
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