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Pantel, Etta [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 9, Teil 1): Stadt Wolfenbüttel — Braunschweig, 1983

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https://doi.org/10.11588/diglit.44416#0104
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Plan zum Umbau der Festung Wolfenbüttel, um 1650. Niedersächsisches Staatsarchiv
in Wolfenbüttel, K 898


AUGUSTSTADT
Die Auguststadt liegt im Westen des Schloß-
bereichs bzw. der ehemaligen Dammfestung.
An diesen ist sie über die Dr.-Heinrich-Jas-
per-Straße angebunden, die stadtauswärts in
das eingemeindete Dorf Groß Stockheim
führt. Im Südwesten wird der Stadtteil von
der bereits 1838 entstandenen Bahnlinie
Wolfenbüttel-Braunschweig begrenzt, die
durch eine Bahnüberführung in Richtung
Frankfurter Straße überwunden wird.
Die historische Auguststadt dehnte sich zwi-
schen der ostseitigen Dammbefestigung mit
Okerumfluß und dem westseitigen August-
tor auf der Höhe Hospitalstraße aus. Nach
dem Wegfall der Befestigungsanlagen ent-
stand auch eine bauliche Verbindung mit
dem Schloßbereich sowie eine Ausdehnung
nach Nordwesten. Zwei Okerbrücken aus der
Zeit nach der Entfestigung sind im Bereich
der Schützenstraße und der Dr.-Heinrich-
Jasper-Straße erhalten. Die z.Zt. im Bau
befindliche Umgehungsstraße verläuft in
diesem Bereich östlich des Okerumflusses
und wird in Zukunft eine stärkere Trennung
der Auguststadt von den übrigen Stadtteilen
bewirken.
Die Auguststadt ist der jüngste der in absolu-
tistischer Zeit geplanten Stadtteile. Vorher
befand sich hier bis zur Mitte des 17. Jh.
der schanzenumwehrte herzogliche „Lust-
garten vor dem Mühlentore". Dieser wurde
durchschnitten von der „Mindischen Heer-
straße" (heute Adersheimer Straße), um die
sich bereits im 16. Jh. eine kleine Siedlung
mit Kommisse, Wagenhaus und 52 Häusern
gebildet hatte. Eine Umgestaltung des Lust-
gartens hatte den Abbruch von Häusern zur
Folge. Diese wurden ab 1604 beidseitig der
später als „Jägerstraße" bezeichneten Straße
wieder errichtet und im Dreißigjährigen
Krieg wohl vollständig zerstört.
Die Auguststadt als geplante Stadterweite-
rung wurde erst nach dem Dreißigjährigen
Krieg in den Jahren nach 1652 unter der Re-

gentschaft Herzog August des Jüngeren
(1635—1666) errichtet und später nach ihm
benannt.
Geplant und ausgeführt wurde die Anlage
durch den niederländischen Festungsinge-
nieur Cornelius von dem Busch, der zunächst
mit dem Auf- und Ausbau der teilweise zer-
störten Befestigungsanlagen Wolfenbüttels
betreut war. Die Auguststadt wird als Ersatz-
anlage für den westlichen Teil des Gottesla-
gers angesehen, der im Zuge des Ausbaus der
Befestigung abgerissen werden mußte und
deren Gebäude in der Auguststadt z.T. wie-
der errichtet wurden. Die Bemühungen des
Herzogs um einen Zuzug von Bevölkerung,
die sich in Bebauungsverordnungen von
1657 und 1659 sowie im Privilegienedikt
von 1655 ausdrückten, waren ein weiterer
Grund für die Gründung dieses Stadtteils.
Der 1651 entworfene Stadtgrundriß, der
Ähnlichkeiten zu dem des Gotteslagers
zeigt, ist konsequent nach den bauästheti-
schen Grundsätzen des barocken Städtebaus
durchgeformt worden, wobei gerade Linien
und rechte Winkel dominieren. Die Verwirk-
lichung des Plans erfolgte wie in der Alten
Heinrichstadt durch Anpassung an die vorge-
gebenen Baulichkeiten. So verhinderte die
vorhandene Jägerstraße die konsequente
Ausführung der Idee in dem südlichen Teil.
Zur Ausführung kam auf der Grundlage eines
Rechteckrasters eine breite angerartige ost-
west-gerichtete Hauptstraße (ehemals Breite,
Haupt- oder Neue Straße, heute Dr.-Hein-
rich-Jasper-Straße), mit je einer parallelen
schmalen Seitenstraße (Töpferstraße und
Kirchstraße, letztere heute Rosenmüllerstra-
ße) sowie einer rechtwinklig kreuzenden
Querstraße (heute Glockengasse).
Entsprechend wurde auch bei den Parzellen
auf Einheitlichkeit geachtet. Diese waren
von nahezu gleicher Tiefe, wiesen jedoch
eine unterschiedliche Breite auf. Die Parzel-
len an der mittigen Hauptstraße erstreckten
sich auf beiden Straßenseiten bis zu den
Parallelstraßen, die damit nur einseitig

bebaut waren. Die Lage der ältesten Ge-
bäude macht dieses Bebauungsprinzip bis
heute noch deutlich, das ähnlich z.B. der
Neuen Straße in der Neuen Heinrichstadt
ist.
Die Siedlung wurde mit ihrer Erstellung als
eigenständiger Teil in die bastionäre Umwal-
lung der anderen Stadtteile mit einbezogen.
Das stark abfallende Gelände südlich der
Jägerstraße zeigt wohl noch heute die Lage
eines Befestigungsabschnitts an.
Der Aufbau der Siedlung verlief zügig, so daß
bereits 1653 das Westtor und 1656 62 Häu-
ser erstellt waren. 1663 begann der Bau der
St. Johanniskirche auf der trapezförmigen
Fläche zwischen Jäger- und Rosenmüller-
straße.
EV. PFARRKIRCHE ST. JOHANNIS
Der in den Jahren 1663/1664 vollendete
Kirchenbau liegt inmitten der trapezförmi-
gen bruchsteinummauerten Fläche des als
Park gestalteten ehemaligen Friedhofs. Auf
dem Gelände findet man Grabsteine bedeu-
tender Bürger Wolfenbüttels. Der freistehen-
de Glockenturm bildet für den Kirchhof eine
Raumbegrenzung nach Osten. Die abseitige
Lage mit der Umgebung von niedriger Wohn-
bebauung bestimmen den baulichen Charak-
ter dieses Bereichs.
Die dreischiffige Fachwerkkirche ist mit ei-
nem hohen Satteldach gedeckt. Über der
massiven Westfront sitzt ein verschieferter
Giebelreiter, dessen Glockendach von einer
Laterne durchbrochen wird. Der Chorausbau
ist polygonal.
Im Inneren befindet sich über dem Mittel-
schiff eine stuckierte Holztonne mit aufge-
blendeten Rippen. Die flachen Decken der
Seitenschiffe mit ihren Emporen sind orna-
mental bemalt.
Die Ausstattung mit Altar, Kanzel, Taufstän-
der und Orgel stammt aus dem letzten Jahr-
zehnt des 16. Jh. und wurde aus anderen
Bauwerken hierhergebracht.
Der Glockenturm wurde 1691/93 von J. B.
Lauterbach errichtet, der auch bei der Er-
neuerung der Trinitatiskirche tätig war. Es
ist ein Bruchsteinbau auf quadratischem
Grundriß unter einem Pyramidendach. Das
Untergeschoß mit Kreuzgewölbe und rund-
bogigem Eingang war als Leichenhalle kon-
zipiert. Das hohe Obergeschoß hat vier gro-
ße spitzbogige Schallöffnungen.
Als weitere herausragende Bauten der spä-
teren Zeit wurden 1698/1704 das herzogli-
che Waisen-, Witwen- und Armenhaus nord-
seitig der ehemaligen Breiten Straße an der
Oker erbaut (siehe Dr.-Heinrich-Jasper-Stra-
ße) sowie um 1750 das alte Militärhospital
und spätere Armenhaus an der Jägerstraße
(siehe dort). Mit dem letzten Bauwerk war
die bauliche Entwicklung des Quartiers für
lange Zeit abgeschlossen.
Die Wohnhausbebauung besteht in ihrem
Ursprung vorwiegend aus zweigeschossigen
und traufständig aneinandergebauten Fach-
werkhäusern, den sog. „Buden". Sie ist
später durch Aufstockungen und Verbauun-
gen der Hinterhöfe verdichtet worden.
Die Gebäude in der Hauptgeschäftsstraße,
der heutigen Dr.-Heinrich-Jasper-Straße, sind

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