Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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zurückzuverlangen. Jndeſſen kam eine Abtheilung von
Herzog Leopolds Heer, und was der Feind verſchont
oder vergeſſen hatte, das eignete ſich der Freund an
und die armen Bewohner fanden zwiſchen Beiden kei-
nen Unterſchied.
Schmerz- und angſtvoll wartete Georg von
der Grün auf ſeinen Schwiegerſohn, welcher endlich
nach ſechs Monaten wieder kam; aber er war nicht
mehr der frühere lebensfrohe Elz. - Gram und
Schwermuth hatten ihn in wenigen Monaten zum alten
Manne umgewandelt.
Er war dem Heere ins Elſaß nachgefolgt, kam
ſelbſt zu Mansfeld, welcher ihm Hilfe zur Wiederer-
langung ſeiner Gattin verſprach; doch Alles, was er
erfahren konnte, war, daß jener Hauptmann, der ſich
Hager nannte, ein Menſch ſei, der ſeine Religion, je
wie es ſein momentaner Vortheil erfordere, ſchon meh-
rere Male gewechſelt und nun abermals zur katholiſchen
Religion übergegangen wäre; doch dann hörte alle
Spur auf, nur ſo viel konnte der Unglückliche noch
erfahren, daß der Räuber eine Gefangene, die er
in einer Sänfte tragen ließ, mit ſich ſchleppte.
(Fortſetzung folgt.)

Das Mutterherz.
Ein Bild aus dem Leben.
(Schluß.)

ziger Härte. Auch vor das Schloß Jokrim kam ein
Hauptmann mit einigen Fähnlein und forderte vom
Burgvogt Einlaß, welcher, ſo gerne er es auch gethan
hätte, ihm denſelben wegen Mangel an Munition und
Leuten nicht weigern konnte. Der Mansfelder Haupt-
mann nahm ſein Quartier auf dem Schloſſe, welches
er von ſeinen Leuten beſetzen ließ. Unſer Burgvogt
war gleichſam ein Gefangener, an dem Orte, den zu
befehligen ſein Amt war. - Mit ſtillem Grimm mußte
er ſehen, wie die ſeiner Obhut untergebenen Gemein-
den, wie von Vampyren durch Mansfelds Leuten aus-
geſaugt wurden; da zog Erzherzog Leopold mit ſei-
nem Heere einher, und die armen Bewohner der gan-
zen Gegend frenten ſich auf ihn, wie auf einen Er-
reter, der ſie von einer großen Landplage befreien
würde, beſonders der Burgvogt, deſſen Geduld erſchöpft
war, konnte den Abzug der feindlichen Truppen nicht
erwarten, um ſo mehr, da er ſah, daß der Hauptmann
ſeit einiger Zeit ſtätt der früheren Rohheit gegen die
Burgfrau Zärtlichkeiten kund gab, und eine kriechende
Höflichkeit affektirte. - Eines Morgens in aller Frühe
als der Burgvogt Tags zuvor durch Späher erfahren,
daß Erzherzogs Leopolds Truppen in der Nähe ſeien,
drangen plötzlich des Hauptmanns Leute in ſein Ge-
mach, überfielen, knebelten und banden ihm Hände und
Füße an einen Pfeiler feſt, und raubten dann alles,
was ſie immer weg bringen konnten und für ſie nur
einigen Werth hatte, dann eilten ſie fort. - Der Burg-
vogt hörte zwar den Abzug der Truppen, konnte ſich
aber nicht los machen, auch wegen dem im Munde
ſteckenden Knebel nicht rufen. - So lag der Arme
hilflos in ſeinem Gemache, und an dem Rauch, welcher
in daſſelbe drang, bemerkte er, daß es in der Burg
brennen müſſe. - Seine ohnmächtige Wuth und Ver-
zweiflung hatte beinahe den höchſten Grad erreicht,
da hörte er "Vater! Vater!" rufen, die Thüre öffnete
ſich und ſein damals zwölfjähriger Sohn Georg ſtürzte
weinend herein. Als dieſer den Vater an den Pfeiler
gebunden erblickte, nahm er ihm erſt den Knebel aus
dem Munde, dann löste er nach des Vaters Angabe
deſſen Bande, was erſt nach vieler Mühe gelang. -
Doch nun kam der größte Schlag, welche den unglück-
lichen Gatten hatte treffen können, und welcher jetzt
erſt den höchſten Grad der Wuth und Verzweiflung
in ihm erregte; denn der arme Knabe erzählte, daß
die böſen Soldaten alles im Schloſſe gefeſſelt und die
liebe Mutter, trotz ihrem Weinen und Flehen auf ein
Roß gebunden und mit genommen und dann Feuer in
dem Schloſſe angelegt hätten, doch Männer aus dem
Städtlein wären gekommen, hätten es wieder gelöſcht
und ihn und die andere Leute von ihren Banden be-
freit. Wie wahnſinnig rannte der unglückliche Gatte
im Schloſſe umher, dann zur Beſinnung gekommen,
ſendete er zu ſeinem Freunde und Schwiegervater, und
berieth ſich mit demſelben, worauf Letzterer im Schloſſe
an ſeines Schwiegerſohnes Stelle Alles ordnete, was
zu ordnen in Eile möglich war, indeſſen Franz von
Elz wohlgewaffnet dem Heere Mansfeld's nachſetzte,
um von dem Feldherrn ſelbſt ſeine geraubte Gattin

Viele Jahre waren vergangen, - er lebte fern
von ihr; aber er hatte ſein gutes Auskommen, hatte
Frau und Kinder, - und die Mutter war glücklich.
Sie lebte in der Erinnerung an die Zeit, da er nur
ihr allein gehörte, und an die wenigen Augenblicke,
da ſie ihn wiedergeſehen, auch durch die Freude dar-
über, daß er ihrer bisweilen in Liebe gedachte. Wenn
ſie ſeinen Namen hörte, ſchaute ſie mit mütterlichem
Stolze um ſich, und ihr Blick fragte: "Wißt ihr, daß
es mein Sohn, mein Einziger, iſt?"
Aber ihr Stolz wurde gebrochen, ihre Freude für
immer getödtet, denn er war ſchwach und leichtſinnig.
Er verließ die Bahn der Ehre, und Schande befleckte
ſeinen lieben Namen. Wie bitter für das Mutterherz,
zu fühlen, daß es tauſend Mal beſſer geweſen wäre,
wenn er damals, als ihre Sorgfalt und ihre Gebete
auf dem Krankenlager ihn vom Tode erretteten, in
ſeiner Jugend und Unſchuld in das Grab hinabge-
ſtiegen wäre! Wie konnte ſie es tragen? Sie trug
es um ſeinetwillen; ſie ſaß dort in der Stille, Ein-
ſamkeit und im Schmerz; ſie beugt ihr kummerſchweres
Haupt, aber nicht zum Grabe, denn ſie mußte ja leben
um ſeinetwillen.
Er ſtand wieder vor ihr, mit geſurchter Stirn,
mit zuſammengepreßten Lippen, mit fahlen Wangen;
Stolz hob nicht mehr ſein Haupt empor, Unſchuld
ſtrahlte nicht mehr aus ſeinem Auge, - er kam aus
der Strafanſtalt. Nur zwei Augen gab es, welche,
ohne alle böſen Leidenſchaften in ihm zu entflammen,
die Thränen der Scham und der Reue konnten fließen
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