Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Peitlelberger ollzlut.

Nr. 5.

Mittwoch, den 23. Juni 1868.

1. Jahrg

Erſcbeint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und be den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Das Erdmäunlein,

oder:

Der Handſchuh der Kurfürſtin
Hiſtoriſche Novelle aus den Zeiten des dreißigjährigen Kriegs
(Fortſetzung.)

werden, viel zu ihrer Sicherheit beitrug. - Georg
kam, wie nicht anders zu erwarten, ſehr zerſtreut nach
Hauſe und es war ein Glück, daß ſein Großvater von
Dienſtgeſchäften ermüdet, ſchon zu Bette war, und ſein
aufgeregtes Weſen nicht bemerkte.
Der gute Sohn konnte die Nacht über nicht ſchla-
fen, und ſobald es nun immer ohne Aufſehen geſche-
hen konnte, ging er - gegen die Diener bemerkend,
daß er die Fehrte eines edlen Wildes verfolge - dem
Binwalde zu, und an Ort und Stelle gekommen, gab
er das bekannte Zeichen, worauf ihm der treue Diener
ſeines Vaters die Fallthüre öffnete und ihn einließ.
Hier fand er den Herrn v. Stockheim, ſeinen Vater
und Meiſter Klaus in traulichem Geſpräche. Jndeſſen
das Fräulein v. Gemmingen eine häusliche Arbeit voll-
brachte.

Beide hielten ſich nun lange umſchlungen, und
ihre Thräne mengten ſich, ſie feierten ein ſtilles, aber
inniges Todtenopee. - Dem Herrn von Stockheim
wurden unterdeſſen friſche Kleider gereicht, auch der
der Jungfrau Anzug wurde, ſo gut ſichs machen ließ,
getrocknet, indeſſen ſie ihren zarten Körper in einem
Nebengemach, aus welchem ſie aber Alles, was unter-
deſſen vorfiel, hören konnte - in einen Pelzmantel
des Herrn von Elz wickelte.
Georg gelobte nochmals, über Alles, was er ver-
nommen, zu ſchweigen und nahm für heute zärtlich
Abſchied von ſeinem Vater und den Andern, denn er
mußte noch eine Stunde bis zu dem Schloſſe Jokrim
wandeln, und ſchon war die Nacht ſchon lange ange-
brochen, als er den Heimweg antrat. Die Hütte war,
wie ſchon berichtet, mit dickem, dieſelbe überragenden
Buſchwerk umgeben, in welchem nur hier und da, wie
zufällig, Oeffnungen angebracht waren, die aber in der
nächſten Umgebung der Hütte auch aufhörten, wo auf
dem Boden eine künſtliche Fallthüre, welche mit Stei-
nen und Moos ſo bedeckt war, daß ſie Niemand, wer
es nicht wußte, entdecken konnte. Unter dieſer Fall-
thüre war ein kurzer, unter den oben bezeichneten Er-
höhungen zwölf Fuß lang durchführender Gang gegra-
ben und mit Brettern und Pfählen geſtützt, daß er
trotz dem langen Regenwetter nicht einfallen konnte,
den Weg zur Hütte aber gänzlich verſperrte, um wel-
chen ſich ringsum ein freier Raum von wenigſtens 15
Fuß befand, ſo daß dieſelbe wie in einer Wald-Oaſe
ſtand. - Die drei Männer und der Knabe hatten
dieſe Robinſonartige, einfache aber nicht von allen Le-
bensbequemlichkeiten entblößte Wohnung in kurzer Zeit
errichtet und die zwerghafte Geſtalt von Meiſter Klaus,
im Geleit des Knaben, mußte die Sage von dem Erd-
männlein in der Gegend hervorrufen, welchen Aber-
glanben aber der kluge Meiſter Klaus zu ſeiner und
ſeines Freundes Sicherheit zu benutzen wußte. Die
Wohlthaten, die die beiden Einſiedler, welche über be-
deutende Reichthümer zu verfügen hatten, in der durch
den Krieg ausgeſaugten Gegend als Erdmännlein ſpen-
deten, gab ihrem Handeln einen überirdiſchen feen-
haften Heiligeſchein, welcher, wie wir ſpäter erfahren

Nun begann der Freiherr von Elz die verſpro-
chene Erzählung ſeiner Begebenheiten.
Als ich im Jahr 1622 das gute Jokrim, wo ich
an der Seite meiner unvergeßlichen Adelheit, ihres
Vaters und meines kleinen Georgs ſo ſelige Tage ge-
lebt, verließ, da lebte in meinem Jnnern ein ganzes
Heer von Qualen, die Liebe, Eiferſucht, Haß und Rache
nur immer erzengen konnten. - Kaum atte Mark-
graf Georg Friedrich von Baden - welcher ſich der
Sache des flüchtigen Kurfürſten Friedrich angenommen
- die Schlacht bei Wimpfen, wo ſich die 400 Pforz-
heimer mit ihrem Bürgermeiſter Deimling an der
Spitze, aus Treue und Liebe zu ihrem Fürſten geopfert
und dieſer mit ſeinem Heere von Tilly beſiegt, weichen
mußte, ſo trat ſchon wieder ein anderer Held für den
unglücklichen Kurfürſten und ſeine Gemahlin auf den
Kampfplatz, es war dieſes, wie ihr wißt, der jugend-
liche Herzog Chriſtian von Braunſchweig, welcher ſei-
nen Werbeplatz in Braunſchweig, dem Lande ſeines
Bruders, aufſchlug. - Zu dieſem, den ich ſchon frü-
her kannte, begab ich mich und bekam das Commando
über ein Fähnlein Reiter. Wir wollten in die Pfalz,
mußten aber, von den Spaniern aufgehalten, zurück,
und begaben uns in die weſtphäliſchen Bisthümer, wo
es unermeßliche Beute gab, und der Herzog aus den
Bildſäulen der zwölf Apoſtel von gediegenem Silber,
die in der Kirche von Paderborn waren, Thaler mit
der Umſchrift: "Gottes Freund, der Pfaffen Feind"
ſchlagen*) und dieſelben gleich denen, die ſie früher
vorſtellten, in alle Welt wandeln ließ.

*) Hiſtoriſch, ſo wie Alles, was über Thatſachen und Oert-
lichkeiten aus dem dreißigjährigen Krieg hier erzählt wird.
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