Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Dich, Frauenräuber; erkenne mich, ich bin der ehe-
malige Burgvogt von Jokrim, deſſen Gattin Du ge-
raubt!" erwiderte ich. Ueberraſcht ſprang der Elende
einige Schritte zurück, zog das Schwert und drang mit
der Wuth eines Tigers auf mich ein. Auch mich
hatte die Wuth blind gemacht, ich gab ihm eine Blöße,
und es gelang dem Schurken mir dieſen Denkzettel -
hier deutete der Herr von Elz auf ſeine Narbe im
Geſicht - zurück zu laſſen; ich ſtürzte beſinnungslos
nieder, doch meine Leute kamen herbei, und da ſie mich
wie todt da liegen ſahen, drangen ſie, keine Pardon
gebend, auf meinen Gegner ein und ſtreckten ihn, aus
zahlloſen Wunden blutend, nieder. - Jch wurde ſorg-
ſam verbunden und kam bald wieder zu mir, und da
die Wunde nicht gefährlich, ſo war mein erſtes, mich
zu dem ſchwerverwundeten Gefangenen bringen zu laſſen.
Derſelbe war fürchterlich zugerichtet; er hatte nur
noch wenige Stunden zu leben. - Da drückte ich den
tödtlichen Haß zurück und beſchwor den Sterbenden
mir zu ſagen, was aus meiner Gattin geworden.
(Fortſetzung folgt.)

Auch das zweite Mal, als wir in die Pfalz drin-
gen wollten, wurden wir bei Höchſt von Tilly vertrie-
ben, wo wir unſer ganzes Fußvolk einbüßten und nur
wir Reiter uns glücklich noch mit dem Heere Mans-
felds vereinigen konnten. Der König, Kurfürſt und
Pfalzgraf, der mit uns gezogen, verließ uns, um nach
Holland zu gehen, indeſſen Mansfeld fortfuhr unter
ſeinem Panier zu kämpfen. Als bald darauf Kaiſer
Ferdinand JJ. den unglücklichen Friedrich V. aus eige-
ner Machtvollkommenheit der Kur für verluſtig er-
klärte, und mit derſelben Maximilian von Baiern auf
dem Fürſtentag zu Regensburg belehnte.") Da wollte
Herzog Chriſtian den flüchtigen Fürſten wieder auf
ſeinen Thron ſetzen. - Er trug einen Handſchuh der
ſchönen Kurfürſtin Eliſabeth auf dem Hut und ſeine
Fahne führte die Deviſe: Tout pour Dieu et pour Elle.
Unſer Meiſter Klaus, der nach dem Auftrag ſeines
fürſtlichen Freundes, nach deſſen Tod, Hut mit Hand-
ſchuh ſo lange zu tragen ſich verpflichtete, bis er Ge-
legenheit habe, den letzten Willen dieſes zu frühe heim-
gegangenen Feldherrn zu erfüllen, wird Euch die in-
tereſſante Geſchichte deſſelben ſpäter mittheilen.
Verlaſſen von den proteſtantiſchen Fürſten, ver-
loren Mansfeld und Chriſtian nach einer dreitägigen
mörderiſchen Schlacht bei Stadlen) gegen Tilly bei-
nahe ihre ganze Streitmacht. Sie entließen den Reſt
ihres Heeres und Mansfeld begab ſich nach London,
um bei Jakob J., und Chriſtian von Braunſchweig nach
Paris, um am Hofe Ludwigs XJJJ. Beiſtand für des
erſteren Schwiegerſohn Friedrichs V. zu erwirken. -
Bald kehrten beide Feldherren zurück, und warben als
engliſche Generale, mit engliſchem Geld engliſche Trup-
pen an. Jch zog wieder zu ihrer Fahne und bekam
ais Oberſt eine Abtheilung ihres Heeres unter mein
Kommando.

Der Scheintodte
Ein Geheimniß des Herzens.

(Schluß)

Es war in der Nähe von Hammeln, wo ich mit
meinem Regiment auf einem Streifzug begriffen, von
einem Kundſchafter die Nachricht erhielt, daß in einem
nahen Flecken ein hoher Offizier der Ligne mit der
Heereskaſſe und vielen erbeuteten Schätzen eingerückt
ſei und daſelbſt übernachte. Jn aller Stille ließ ich
des Nachts das Dorf umzingeln, überrumpelte die Vor-
poſten und ſand beinahe die ganze Mannſchaft in ſorg-
loſem Schlaſe; die Wenigen, welche ſich zur Wehr
ſetzten, wurden niedergeſtoßen. - Jch ſtürmte mit dem
Schwerte in der Fauſt auf das Pfarrhaus zu, wo ich
den feindlichen Oberſt noch halb angekleidet fand. -
Doch wer ſchildert meine Wuth, als ich in demſelben
den ehemaligen Hauptmann Hacher erkannte, der mir
mein Theuerſtes im Leben, meine Gattin Adelheit ge-
raubt hatte.

Und ſollte nun meine Braut ſich nicht völlig auf-
reiben, dann mußte man mich ſchleunigſt aus dem Hauſe
und in eine Todtenſtube am Kirchhof ſchaffen. Dank
dieſer Einrichtung, wurde ich nicht lebendig begraben,
wenn auch meine Hoffnungen, mein reichſtes Lebensglück,
ſeit dieſem Augenblicke für immer eingeſargt waren.
Noch jetzt erbebt mein Jnneres, wenn ich denke, daß
mein Schickſal, lebendig begraben zu werden, an einem
Haar hing; denn wir kennen noch nicht genau genug die
Scheidelinie zwiſchen Tod und Leben; es iſt ein eigen-
thümliches Spiel beider dunkeln Mächte. Schon die
Farben des Regenbogens, die nach und nach den Kör-
per des Todten wie ein Gruß auf fernen Welten über-
ziehen, geben Zeugniß, daß im Reiche des Todes das
Leben noch einmal alle ſeine Zauber und Geheimniſſe
vor uns aufzurollen ſucht. . .. Wie lange ich ſo gelegen
habe, weiß ich nicht. Für mich gab es keine Zeit; jede
Minute dehnte ſich zur Ewigkeit aus. Mir war's, als
ob meine Seele bereits vom Körper getrennt und nur
allein noch mittelbar die Eindrücke der äußeren Welt
empfinge. Vielleicht iſt eben nur Gewohnheit und Er-
innerung, was die Seele an den Körper bannt, und
nur weil unſer Träumen und Denken ſich nie des Leibes
ganz entäußern kann, leben wir fort. ... Endlich, endlich
fühlte ich ein ſchwaches Rieſeln durch meinen Körper,
wie das eines Herbſtnebels, der in einzelnen Tropfen
geräuſchlos zur Erde ſinkt. Die Feſſel ſprang; eine
leiſe zuckende Beweguug führte den Wärter herbei, ich
war gerettet. . . . Noch wurde mir damals dieſe Selig-
keit des neukommenden Lebens nicht vollbewußt, aber,
jetzt, wenn ich wieder die warme, linde Luft athme,
wenn mein Auge das Sonnenlicht trinkt, wenn ich das

"Hier iſt mein Schwert, ich bin Euer Gefangener
auf Ehrenwort," rief dieſer mir entgegen.
"Behalte es Schurke und läſtere die Ehre nicht,
indem Du von Deinem Ehrenwort ſprichſt! Vertheidige

*) Den 3. Februar 1623. Brandenburg, Sachſen und Heſſen
legten dagegen Proteſt ein.
**) Den 6. Auguſt 1623.
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