Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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der Tempel der zarteſten Liebe zwiſchen Vater und
ind

Rauſchten nicht die Palmen des Morgenlandes
unſichtbar über dem Haupte des Mädchens, flrahlten
nicht die weißen Glanzgewänder der himmliſchen Boten
in den Erdenſtaub hinein, wenn es in klarer, feierlicher
Sprache erzählte von den Wundern der geweihten Nacht,
von dem Herrn am See Genazareth, oder von Abra-
ham, da er das Meſſer erhob, den einzigen Sohn Je-
hovah zu opfern? Oft war Lieschen zu ſchwach, um
zu Füßen des Vaters zu ſitzen. Dann lag ſie hinge-
ſtreckt auf einem Kiſſen am Boden und ſah mit ihren
Sonnenaugen zärtlich den Meiſter an, der ſeine Blicke
zwiſchen der Arbeit in ſeinen Händen und ſeinem
Liebling iheilte. Nur beim Vater befand ſich Lieschen
wohl und der arbeitete nie emſiger, als wenn ſie in
ſeiner Nähe war.
Aber von Monat zu Monat ſiechte das liebe Kind
mehr dahin und der Arzt konnte kein Heilmittel mehr
für den kleinen, zerbrechlichen Leib finden. Bläſſer
und bläſſer wurden Lieschens Wangen, größer, bedeu-
tungsvoller ihre Augen und es überkam vorzüglich die
unteren Gliedmaßen eine ſolche Schwäche, daß ſie kaum
noch den Rumpf tragen konnten. Vermochte ſie doch
ſelbſt nicht mehr die Stufe zur Dachkammer des Vaters
zu erklimmen, um demſelben bei der Arbeit zuzuſehen,
oder ihn mit Geſchichten zu ergötzen. Dennoch aber
war die Kleine eben ſo oft bei ihm als zuvor. Thoſt-
mann hatte ein kleines Bett für ſie zurecht gemacht,
welches einen geringen Raum des Zimmers einnahm
und hier lag ſie, indem ſie ihm wie früher erzählte
oder ihre Augen auf ihn heftete. Selten ſtieg er die
Stufen zur Dachkammer hinauf, ohne Lieschen in ſei-
nen Armen zu halten. Jhr Haupt lag dann gewöhn-
lich auf ſeiner Schulter und ihre fieberheißen Wan-
gen berührten das Angeſicht des unglücklichen Vaters
und durchzuckten es mit unſäglichem Schmerze.
So verſtrich die Zeit. Trotz aller Liebe, welche
der Meiſter für ſein krankes Kind in ſeinem Herzen
fühlte, trotz all' der Rückſicht, welche er ſeiner Familie
ſchuldig war, gab er dennoch Tabak und Bier nicht
auf und ſo verbrauchte er wöchentlich einen Theil ſei-
ner kleinen Einkünfte, den er beſſer ſeinen Kindern
hätte zu Gute kommen laſſen ſollen. Nicht ein Glied
ſeiner Familie, außer ihm allein, erfreute ſich irgend
eines Luxusartikels. Nicht einmal für Lieschens ſchwa-
chen Appetit war hinreichend geſorgt. Die paar Gro-
ſchen, welche die Mutter empfing, nebſt dem Wenigen,
was ſie ſelbſt durch Nähterei zu erſchwingen im Stande
war, reichten eben nur hin zu einem kärglichen Mahle
und zur nothwendigſten Bedeckung der Blöße ihrer
Familie.

zu einer beſonders lohnenden Geſchicktichkeit hatte er
es nie gebracht und ſeine Einnahmen entſprachen da-
her nur zu ſehr ſeiner ſtümperhafter Arbeit. Er war
nur Flickſchuſter, der dem ein Paar Sohlen auf die
Stiefel nagelte, jenem das ſchadhafte Oberleder aus-
beſſerte, dieſer ein Paar Abſätze an die Pantoffel ſetzte.
Und oft hätte er, wie der heilige Crispin, ſein Schutz-
patron, den Reichen das Leder ſtehlen mögen, um den
Armen nicht umſonſt, (denn wo wäre er mit ſeiner
Familie geblieben?) ſondern für Geld ein Paar Schuhe
daraus zu machen. Gab dem Pechvogel ein guter
Freund den Auftrag, er ſolle ihm neue Stiefel ma-
chen, ſo that dies der ſanftgeſinnte Menſch nur ein-
mal in ſeinem Leben, denn wollte der Unglückliche des
Sonntags auf dem Kirchgange in der neuen Fußbeklei-
dung glänzen, ſo mußte er entweder nach unendlichem
O's und Ach's ein Hühnerauge riskiren, oder mittelſt
eines Meſſers die Seitennähte auftrennen und ſo der
Herrlichkeit mit einem Male ein Ende machen. Mei-
ſter Thoſtmann war der Freund aller Fußärzte und
Fußärztinnen, denen er durch ſeine ſchlechte Kuren am
Schuhwerke ſo manches arme Opfer in die Hände lie-
ferte. Alſo was Wunder, wenn ſein Einkommen ſo
ſchlecht beſtellt war! Bei aller Emſigkeit betrug ſein
Verdienſt nicht ſo viel, daß ſein genügſames Weib
damit ein kräftiges Mittagsmahl für ihren Eheherrn,
ſich und drei Kinder hätte beſtreiten können. Und den-
noch würde die Lage der armen Familie weniger be-
dauernswerth geweſen ſein, wenn ſich Meiſter Thoſt-
mann hätte entſchließen können, auf ſeine Pfeife Tabak
und den Schoppen Bier zu verzichten, welche Artikel
er für unumgänglich nöthig zu ſeiner Exiſtenz hielt
und denen er ſo manchen Groſchen des ſauer errunge-
nen Lohnes opferte. Es iſt wahr, er quälte ſich Tag
und Nacht und die unſchuldige Erholung wäre ihm
wohl zu gönnen geweſen. Aber unter den gegenwär-
tigen Umſtänden hätte er die Männlichkeit beſitzen müſ-
ſen, auf derlei Dinge zu verzichten und die Groſchen
dafür ſeiner darbenden Familie zuzuwenden.
Das älteſte von Thoſtmanns Kindern, ein Mäd-
chen von zehn Jahren, war von ſeiner Geburt an
kränklich geweſen. Es war ein ſanftes, liebenswür-
diges Kind, der Günſtling von Allen im Hauſe, der
Augapfel des Vaters. Lieschen ſtieg die enge Treppe
zu der Dachkammer hinan, in welcher letzterer arbei-
tete, ſetzte ſich ihm zu Füßen auf ein Fußbänkchen und
begann zu erzählen, daß dem entzückten Meiſter die
Stunden der Arbeit gleich einem Traume vorüberflogen
und er des Mangels, des niedrigen Stübchens, des
hellen Sonnenſcheins und der grünenden Bäume ſelbſt
d draußen vor den Feuſtern vergaß und nur in ſei-
nes Kindes große, dunkle Augen blickte, die ein gei-
ſterhaftes Glänzen umſchimmerte, der Vorbote einer
anderen Welt. Die heiligen Geſchichten der Chriſten-
heit in den kräftigen, zum Herzen dringenden Worte
der Schriſt, die Mährchenwelt des deutſchen Bolks, Tha-
ten des Edelmuths und der Begeiſterung entſtrömten
im bunten Gemiſch den bleichen Lippen des ſchönen
Kindes und die kleine, ruhige Dachkammer ward

Dabei wurden aber die Ausgaben für Bier und
Pfeife vom alten Thoſtmann ruhig fortgeſetzt.
(Fortſetzung folgt.)
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