Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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die ſelbſt ſo bitter getäuſcht wurde?" fragte Madame
Müller leiſe.

Verbrechen nicht einmal faſſen. Der plötzliche Ausbruch
meines Zornes hat Sie erſchreckt, denn Jhre Seele iſt
weich, Jhr Gemüth iſt zart. Sie ſind ja ſelbſt ganz
Aufopferung und Liebe. Sie begreifen nicht, wie eine
Mutter ihr Kind verlaſſen kann, da Sie dem fremdrn
Kinde die zärtlichſte Mutterliebe erwieſen."
(Fortſetzung folgt.)

Dr. Gemithlich.

Welche Entſchuldigung könnte ſie rechtfertigen, ihr
Kind verlaſſen zu haben?" rief Herr v. Berg. "Jch
war bei der Nachricht ihrer Untreue wie vom Blitz
getroffen; mein Entſchluß war bald gefaßt; ich machte
alles, was ich beſaß, zu Geld, zog hierher und kaufte
dieſes Gut, nachdem ich den Namen Berg angenommen
hatte; dann ſuchte ich eine Pflegerin für meine Toch-
ter und wollte wieder zur Armee. Da überraſchte mich
ein Brief von ihr; ich weiß nicht, wie es gelungen war,
meinen neuen Aufenthalt zu entdecken. Er war auf
dem Todtenbett von ihr geſchrieben und enthielt das
Geſtändniß ihres Verbrechens und die Bitte, ihr zu
verzeihen. Meine ſchon erlöſchende Sehkraft, welche
durch einen Streifſchuß ſehr gelitten hatte, erlaubte es
mir kaum noch, die Züge der Handſchrift zu entziffern.
Ein Nervenſchlag führte vollſtändige Blindheit herbei.
Meine hilfloſe Lage machte es nothwendig, einen er-
neuerten Aufruf nach einer Pflegerin für mich und
mein Kind ergehen zu laſſen. Meine Wunden, die halb
geheilt waren, brachen von neuem auf, ein hitziges
Fieber kam hinzu und ich ſchwebte zwiſchen Tod und
Wahnſinn. Jn dieſem ſchrecklichen Augenblick traten
Sie, edle Freundin, in mein Haus und wurden meine
Retterin! Ach, ich kann es Jhnen nicht ſchildern, welche
Täuſchnugen mich labten, als mit der rückkehrenden
Geſundheit auch meine Denkkraſt wieder erwachte, wie
ich Alles für einen Traum hielt; ich hatte ja ein weib-
liches Weſen um mich, das mich liebend pflegte, das
mein Kind an das Herz drückte und liebkoſte; ich konnte
mich nicht überreden, daß dieſes Herz ein fremdes ſein
ſollte."
O mein Gott!" ſeufzte Madame Müller, "wie
ergreift mich dieſe Schilderung!
"Selbſt die Stimme, die mich noch immer ſo wun-
derbar ergreift, half der Täuſchung nach. Jch glaubte
in dieſem ſanften Tone die Heuchlerin zu hören, die
mich betrogen hatte. Jch ſchauderte zuſammen, wenn
ich Sie vernah, - aber die Beſinnung kam wieder. -
Sie iſt ja todt, ſagte ich mir, und wie Menſchen ſich
oft ähnlich ſehen, ſo können auch Stimmen gleich tönen.
Es war wohl nur ein Nachhall, der in meinem lei-
denden Herzen erwachte, und der erſt ſpäter vollſtändig
verklingen konnte."
"Jetzt iſt er verklungen, Gottlob!" ſagte Madame
Müller; "o, daß ich dieſe Erinnerung wieder erwecken
mußte."

Herr Dokter - ſegt
am Sunndagmorge
beim Frihſcheppl en
Heidlberger Lieder-
kränzler zu mer -
Herr Dokter, heit
Middag fahre mer
per Extrazug nooch
Schlierbach, un vun
do geht's mit Muſik
un Daamegepäck in
de Wald. Wann Se
mit wolle, ſinn Se
heeflichſcht eingelade.
- Sehrſchmeichlhaft
- ſag ich - awer
die Hitz! Bedenke
Se, daß d'r Menſch
heit en Sunneſchtich kriche kann, wann'r aus'm Haus
geht. - Herr Dokter - ſegt'r - 's is norr owe-
druff ſo - im Wald is kiehl. For deß hawe mer
g'ſorgt. Unſer Calospinthe Chromogrene, die mer draus
uffſchtelle hawe loſſe, ſchmeißt mehr Waſſer um ſich,
wie die greeſcht Feierſchbritz vum Metz. - No, meint-
wege - ſag ich - ich bin dabei. Jch resgiers!
Deß Waldfeſcht ſoll mer gedenke, Männer! Vorm
Wald, hinner d'r Gerwerei, haw ich ſchun mein erſcht
Hemm gewechslt. Wer am Sunndag, gleich noch Diſch,
den Weg vun Schlierbach bis an die Gerwerei zu Fuß
gemacht hott, braucht ſich nit mehr vor d'r Hell zu
ferchte. Aerger kann mar arme Sinder nit einfeiere.
- E Keenigreich for'n friſche Schluck Bier - haw
ich gerufe, wie ich endlich uff'm Feſchtblatz ankumme
bin. - Herr Dokter, friſch vun d'r Kweell - ſegt
jetzt eener zu mer, un bräſendiert mer e Glas Waſſer.
- Gehn' Se mer aus'm Schatte mit Jhrm Krotte-
waſſer - ſag ich - do driwe ſeh ich e Fäſſl uffligge.
- Noocheme halbſchtindige Kampf uff Leewe un Dod,
haw ich endlich e Scheppl verwiſcht! Jm Schweiß
ſeines Angeſichts muß ſich d'r Menſch ſein Bier ver-
diene - haw ich gedenkt - un die groß Bort kricht'r
drein for'n Batze. - Jch war naß wie unſer Heidl-
berger Waſſerfall! Deß heeßt: wann'r Waſſer hott!
Hinnerm näkſchte dicke Baam haw ich mein zwett
Hemm gewechslt. - Die drei Jingling im Feieroffe
kenne nit mehr g'ſchwitzt hawe, wie ich uff dem kihle
Waldfeſcht. - Die verſchbroche kihl Calospinhe Cro-

"Die Erinnerung an jene Zeit entſchwindet mir
nie - ſie wird mich bis zun Tode peinigen. Sie
ſtarb und nahm ihr Geheimniß mit in das Grab. Alles
blieb mir unenträthſelt in dieſer ſchrecklichen Begeben-
heit. Alles raubte ſie mir, ſelbſt die Hoffnung, einſt
an dem Verführer mich rächen zu können! Nein, nie
kann ich ihr das verzeihen!"
O ſeien Sie gnädig!" rief Madame Müller mit
herzzerreißendem Tone; - "der Himmel iſt es ja auch."
"Sie begreiſen nicht," ſagte Herr v. Berg gemä-
ßigter, "die Größe meines Schmerzes.Sie können das
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