Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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am Neckar ſchtehn unſer Schiff - un heere Se emool
uff deß "deitſche Vatterland" zu ſinge: 's mißt gree-
ßer ſein! 's werd jo doch alle Dag kleener. Jch
erinner Jhne an Eeſchtreich un Luxeburg - un was
noch weiter abfallt, weeß mar noch nit. - Jch hab
nit gewißt: ſoll ich einſchteige, odder ſoll ich nit
einſchteige. Wann ſo e Schiff voll Meedle unner
gingt, un du miſcht mit in's Waſſer - haw ich
ſo for mich gedenkt - dann gut Nacht Dokter.
Mit eme halb Duzend Meedle an jedem Been
ſchwimm awer der Deiwl. - Herr Dokter, norr nit
bedenklich, ruft mar jetzt ener aus'm Schiff zu - mir
hawe unſer Heidelberger Schwimmlehrern an Bord,
die ſchafft unſer Daame all an's Land, wann mar
unnergehn. - So? ſag ich - no do loß ich mer's g'falle
- un bin eing'ſchtigge. - En verunglickter Luftballoon
hott 's Singnaal zur Abfahrt gewe. Un ſo ſinn mar
dann gemiethlich mit Muſik un Rakeete de Neckar nun-
ner, durch die Brick un hawe e außerorndlich bekwemi
Ausladſtell g'funne, un zwar ſo: daß mar uff Händ
un Fieß an's Land gekrawlt ſinn. - Wie ich heem
kumme bin, haw ich mein dritt Hemm gewechslt!
Un wie ich mich de annere Dag hab wiege loſſe, war
ich zehn Pund leichter! Des Waldfeſcht ſoll mar weil
gedenke!

mogrene - uff deitſch: grade Schtrimpfe, krumme
Beene - haw ich zwar im Wald g'funne, awer miteme
merkwerdige Waldwaſſer war deß Heidlberger Kunſcht-
werk in Bewegung g'ſetzt. Miteeme Schtreichholz hätt
mar die ganz Waſſerkunſcht anſchtecke kenne. -
Un newedran die deitſch Fahne! Schwarz-roth-gold!
Sehn Se - ſag ich zu eem vun dene Herrn Lieder-
kränzler - deß freet mich jetzt. Beſſer kann mar die
deitſch Farb gar nit verſchteckle, als wann ma ſe in
de Wald drägt. Jn d'r Schtadt dirfe mer ſe doch
ball nit mehr ſehe loſſe. - An hibſche Daame, war
aach kee Mangl, Männer. Meedle multum! Un ge-
tanzt hawe ſe bei dere Hitz, als hätt ſe die Tarantl
g'ſchtoche. Bis die emool all unner d'r Haub ſinn,
haw ich gedenkt, kann noch e mancher Droppe Neckar-
waſſer an d'r orndliche Werrtſchaft vorbeilaafe -
kann noch e Manchi die feine Zeigſchtifflcher uff dem
Walddanzbodde do abſchleiffe, un wann d'r Herr Lie-
derkranzkomiker noch ſo oft mit'm naſſe Lumpe de
Sandbodde uffziechgt. - Un e "Waldgrillche" haw ich
bei dene Meedle g'ſehe - e "Waldgrillche" - d'r
Birchpeifer ihr "Fanchon" is nix dagege. E lewen-
dig Kweckſilwer is mer in meiner Dokterbraxis noch
nit vorkumme. An dem Meedl is'n junger Ferſchter
verlore gange! - Un was mennt'r Männer, wenn ich
uff dem Waldfeſcht noch gedroffe hab? Den lidder-
liche Nagglſchmidd vun Mannem - den Lorenz Bitter-
maul, der allerritt in Heidlberg hockt, wann was loos
is. Do hott'r g'ſchtanne in ſeim franzleinene Kittl,
ame Baam, als kennt'r kee drei zähle - un hott ſich
vun unſerer Heidlberger "Schitzin" en grine Eicheblatt-
kranz um de Schtrohhut flechte loſſe, zur Erinnerung
an die "Vier Johrszeite," die nit alleen am Manne-
mer Rhein, ſondern aach am Heidlberger Neckar bliehe!
Sogar e Tur gedanzt hott'r, der alte Schwerneether!
Un iwer unſer Bier hott'r reſſoniert, der Mannemer
Wuppdich - 's wär waarm, hott'r geknorrt - bis'm
eener vum Waldfeſchtkomitee ſein ungeweſche Bitter-
maul miteme Brocke Eis geſchtoppt hott.
So gege ſiewene Oowends hott unſer Waldfeſcht-
ſchtaabsdrumbreter zum Rickzug geblooſe. So, denk
ich, jetz is es hibſch kihl - der Schbaziergang de Berg
nunner kann recht gemithlich werre. Jch ſchließ mich
alſo unſerm Feſchtzug in d'r greeſchte Gemithsruh an,
geh awer noch kee drei Schritt; do henkt ſich eeni vun
unſere Waldfeſchtfreilin feſcht in mein Aarem, un ſingt
un ſchbringt un huppst neewer mer her, un zerrt mich
ball riwer, un zerrt mich ball niwer, daß ich de ganze
Bergweg nunner norr immer die Ballans zu halte hab
g'hatt, ſunſcht wäre mer minanner de Abhang nunner
gekorglt. Un wie ich recht guck, wer war's? Mein
Wildfang - unſer Waldfeſchtgrillche. Freilein - ſag
ich, wie mer drunne ware - nemme Se mer's nit
iwl: Sie hawe awer heit de lewendige Deiwl im
Leib. Sehn Se jetzt enmool, wie Se mich zugericht
hawe. En Hoſſedräger verlore - en Schtiffelabſatz
verlore - un beinah de Odem verlore. Jetzt ſinn
Se emmool ſo gut, un ſchteigen Se ein - do drunne

Miseellen.

(Die höchſte Sanftmut h.) Rabbi Tarphon, der ſelten feine
Lehr- und Gerichtshalle zu verlaſſen pflegte, erging ſich einſt in
ſeinem Weinberge, fand einen Vorrath von geſtampften Feigen und
ließ ſich ſolche wohlſchmecken. Die Arbeiter ſahen ihn für einen
Fremden an und ſchlugen ihn mit derben Prügeln. Als er es nicht
mehr aushalten konnte, rief er: "Lieben Leute! Saget doch in dem
Hauſe Tarphons, daß man ihm Sterbekleider bereite; ſeine Leute
prügeln ihn zu Tode." Sie erſchracken, fielen auf ihr Angeſicht und
baten um Vergebung. "Jch ſchwöre es Euch," antwortete Rabbi
Tarphon - "bei jedem Streiche, den ich fühlte, waren alle vori-
gen ſchon vergeben. Was mich aber kränkt, iſt dieſes, daß ich mich
erſt meines Anſehens habe bedienen müſſen, um der Lebensgefahr
zu entkommen.

(Erinnrungen.) "Herr College, ich kann mich wohl erin-
nern, datz in der ſächſiſchen Anno 13 ein Soldat, dem ein Uhlane
die Lanze durch und durch gerannt hatte, ſo zwar, daß das Fähn-
chen hinten hinausflatterte, vollkommen wieder geheilt wurde und
in ſeinen alten Tagen nichts weniger als bruſtleidend war."
"Hm, ein ſeltener, ein recht intereſſanter Fall, Herr Stabsarzt
Jch weiß mich zwar nicht desgleichen, aber doch eines ähnlichen
Falls zu erinnern. Es war im Frühjahr 57 und da fochten die
Soldaten, welche ſchon zur Muſterung ihre Torniſter umgehängt
hatien, aus Kinderei mit einander: aus Unvorſichtigkeit ſtößt einer
dem andern das Bajonnet durch den Leib, das Bajonnet biegt ſich
an einer Schnalle des Torniſters krumm und wie derſelbe ſein Ba-
jonnet zurückziehen will, reißt er mit demſelben ſeinem Kameraden
den Torniſter durch die Bruſt heraus - und es that ihm gar
nichts!"

Druck und Verlag von G. Geiſendörfer.
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