Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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die Gefangenen das Deputat zu nennen pflegten, mit
unglaublicher Schnelligkeit verſchwinden.
Nachmittags, ehe Brod und Bier vertheilt wurden
ging der Oberinſpektor auf dem Gange vor den Ar-
beitsſälen umher. Seine Unruhe trieb ihn immer hier-
her und doch hatte der ſtarke Mann nicht den Muth,
in den einen Saal hinein zu treten und den armen
Michael bei ſeiner harten Arbeit zu ſehen. Jetzt aber
trat gerade aus dieſem Saale der Direktor heraus,
von dem Aufſeher der hier arbeitenden Gefangenen ge-
folgt. Eine Angſt um ſeinen Schützling überkam Norr-
mann; er hörte im Arbeitsſaal lautes Lachen und ſo
trat er ſchnell in denſelben ein.
"Was giebt's?" fragte er in furchtbarem Tone
und die Gefangenen, welche alle auf einem Punkte ver-
ſammelt geweſen, eilten erſchrocken an ihre Arbeit.
Er ſah, daß Michael der Mittelpunkt dieſer Verſamm-
lung war, der mit Thränen gebadetem Antlitz im Saale
daſtand. "Warum arbeiteſt Du nicht, Michailowitſch?"
fragte er ihn.
Zitternd und ſchluchzend ſtreckte ihm dieſer ſeine
von der Arbeit blutenden Hände entgegen.
"Hm!" rief Norrmann ſchmerzlich, doch ſich ſchnell
faſſend, ſetzte er hinzu: "Die Arbeit muß heut Abend
gemacht ſein!"
"Das hat ihm auch eben der Direktor geſagt,"
ergriff Kendelbacher lachend das Wort, "und daß es
heute Abend noch Hiebe ſetze, wenn ſie nicht gemacht
ſei. Darum weint er. Jch hab' ihn ſchon getröſtet
und ihm geſagt, daß aller Anfang ſchwer iſt; wenn
aber ſein Bickel erſt 'mal ſo abgegerwt iſt, wie der
unſrige, wird er um ſo'n paar lumpige Hiebe nicht
mehr weinen!"
"Da Dir die Sache ſo lächerlich erſcheint, ſo wirſt
Du jeden Tag die fehlende Arbeit des Michailowitſch
noch zu der Deinigen machen!" befahl der Oberinſpektor.
"Aber -
"Wie, Du wagſt zu widerſprechen?" rief Norrmann
in einem Tone, der dieſen frechen Patron erbeben
machte.

hinde hinauf zugeknöpft trug, das Haupt, ſowie die
Hände entblößt, das Bild echter Manneskraft.
Als Michael an den Keſſel trat, um ſeine Suppe
in Empfang zu nehmen, kam Norrmann zu ihm heran.
Michailowitſch," ſprach er mit ſeiner kräftigen,
volltönenden Stimme, daß es Alle vernahmen, "hat
man Dir in dieſer Nacht etwas zu leide gethan?"
"Nein, Herr!"
"Jch hörte das rohe Gelächter und Geſchrei auf
dem Gange," fuhr der Oberinſpektor fort, "und meinte,
es gelte dem Ankömmling."
"Es war nicht böß gemeint," entſchuldigte Michael
Jene. "Sie wollten mich nur erheitern."
"Jch wollt' es auch Keinem rathen, ihm zu nahe
zu treten!" ſprach Norrmann und ſein Blick flog dro-
hend wie ein Blitz über die Sträflinge. "Auch der
Lärm in den Schlafſälen unterbleibt!"
Als die Gefangenen in das Haus zurückkehrten,
drängte ſich Fahrenwald an Michailowitſch.
"Höre," ſagte er, mir war ſehr bange, Du wür-
deſt ſie verklagen; dann hätten ſie Dich in dieſer Nacht
halb todt geſchlagen."
"Wie ſollt' ich! Sind ſie nicht ohnehin unglück-
lich genng?"
"Hm, Die ſind nicht unglücklich, ſagte Fabren-
wald lachend; "die meiſten von ihnen fühlen ſich hier
ganz wohl. Was ſehlt ihnen hier? Sie haben im
Winter, wo Tauſende freie Arbeiter hungern und frie-
ren, Dach und Fach, Kleisung und Nahrung. Viele,
wenn ſie frei werden, ſtreben nur darnach, wieder hie-
her zu kommen. Freilich, der jetzige Direktor verlei-
det ihnen den Aufenthalt bedeutend, denn er iſt ein
grauſamer Kerl und Exekutionen ſind ſeine höchſte
Luſt; aber ſo lange wir den Oberinſpektor haben, iſt
das Zuchthaus immer ein ganz angenehmer Aufent-
halt für ſie. Er iſt zwar ſtreng, aber unerſchütterlich
gerecht."
Oben im Arbeitsſaale ſagte Kendelbacher zu Mi
chailowitſch mit höhniſchem Tone:
"Warum hat Dich denn der Oberinſpektor nicht
ſchon heute Nacht, als er Dich zu tröſten kam, gefragt:
"hat man Dir in dieſer Nacht etwas zu leide gethan?"
Bei den letzten Worten ahmte er die Stimme
Norrmann's nach.
"Jch weiß nicht, Kendelbacher!" ſagte Michael er-
röthend.
Na, dann will ich Dir es ſagen! Er fragte da-
rum erſt heute früh, um uns zu drohen. Aber 's
ſchad't nichts; er iſt zwar ſtreng, aber gut und hat
noch nie einen aushauen laſſen, wie der - Hund es
alle Augenblicke thut, denn der hat weiter keine Freude,
als Menſchen ""um Gottes willen"" zu quälen. Es
war übrigens ſehr klug von Dir, daß Du nicht petz-
teſt; das wäre Dir ſchlecht bekommen!"
"Willſt Du nicht mein Brod eſſen?" fragte ihn
Michailowitſch ihm daſſelbe hinhaltend.
"Na, warum werd' ich denn das nicht wollen? Zu
ſolchen Gefälligkeiten bin ich immer gern bereit!" ant-
wortete jener und ließ die große "Kule" Brod, wie

"J Gott bewahre, ich denke ja nicht d'ran!" war
die ängſtliche Antwort, "ich wollte nur ſagen -"
"Was?"
"Daß man des Herrn Oberinſpektors Befehle
immer gern erfüllt."
"Hn, ich danke Dir für den Vorzug, denDu
mir gibſt!
O bitte, hat gar nichts zu ſagen!" verſetzte
Kendelbacher mit einer ſo poſſierlichen Verbeugung,
daß Norrmann ſich abwenden mußte, um ſein Lachen
zu verbergen, und daß ſelbſt über Michael's verwein-
tes Geſicht ein Lächeln zuckte.
"Michael," wandte ſich Norrmann an dieſen, "laß
Dich nach dem Brod und Bier von Fahrenwald zu
dem Hausvater führen, die Mutter wird Dir etwas
Franzbranntwein zur Heilung Deiner Hände geben."
"Ja, lieber Herr!"
Norrmann entfernte ſich. Es läutete. Die Ge-
fangenen gingen hinab.
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