Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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"Nun, dann kann der Direktor nicht darin ſein,
wenn man auch ſonſt glauben könnte, er habe ſich hin-
ein geflüchtet.

(Fortſetzung folgt.)

ſolchen würde, oder er würfe dies irdiſche Leben mit
Verachtung von ſich, wenn der Tod ſein Ende wäre.
Wohl mancher ſchreibende Pfuſcher oder Zelot hat die
Menſchen mit Citaten gefüttert, denen ſie die hochtö-
nenden Titel: "Gedanken und Beweiſe über die Un-
ſterblichkeit" beilegten, aber ſie waren zu ohumächtig
um das Dunkel zu durchbrechen, welches die Pforten
des Todes bedeckt. Vergebbich ſuchen wir die Hand
des Wiſſens, die uns feſt hinuberleiten könnte in eine
lichtere Spähre des Lebens. Wir ſtehen und fragen
und ſinnen und ſchauen, bis das Alter unſere Augen
umflort und die bohrende Kraft unſeres Geiſtes ab-
ſtumpft - das Räthſel bleibt uns ungelöſt. Wir wiſ-
ſen nicht, ob endlich die ſeeliſche Eſſenz unſeres Lebens
emporſchwebt zum Lichte und Gluth eines Sternes, ob.
ſie hinabſteigt zum Feuer im Schoos der Erde, ob ſie
die Jrdiſchen umſchwebt als ein lebenzeugendes Ele-
ment, ob unſer weiſt nach dem Tode des Leibes ein
ſich bewußtes Jndividuum bleibt, oder übergeht in den
göttlichen Stoff einer neuen Schöpfung volltommenerer
Weſen. Es iſt unſerm eingeſchränktem Horizonte nicht
gegeben, außer Gott einen Geiſt ohne Materie zu den-
ken, aber es iſt uns ebenſo unmöglich, unſeren edleren
Jnhalt ſelbſt zu entwürdigen durch den Glauben an
thieriſches Vergehen. Das unerforſchliche Weſen, wel-
ches wir im Gefühle unſerer Ohnmacht "Herr" nennen,
kann den ſtrebenden Geiſt nicht in uns gelegt haben,
damit er verderbe im alltäglichen Haushalte der Natur.
Wie wäre es möglich, daß der Menſch, der ſo
Großes, Herrliches vermag, plötzlich herabſtiege zum
Schickſal der Monade, daß er degradirt würde zu dem
Wurme, den er im Leben mit Füßen trat, daß er in
der vegetativen Oeconemie zu einem thieriſch gemeinen
treibenden Stoffe würde, um den Magen der Ueber-
lebenden beſſer füllen zu können? Das feinſte Nerven-
arom, welches unſere Größten und Beſten göttlich ent-
ückt durch Geberde, Wort oder Blick, ſollte ſich im
Tode wandeln in widerlich dünſtende Aſche? Wir ſoll-
ten zur niedrigſten Urmaſſe werden für unſer ſtolzes,
frei bewußtes Streben, in kühnem Gedankenfluge Dem
ähnlich zu werden, was wir das Höchſte, was wir
Gott nennen?
Dieſes unerforſchliche Weſen zeigt unſerm körper-
lichen Auge, daß Alles in der Natur ſich neu ver-
jüngt und zu Vollkommenerm geſtaltet - und die Men-
ſcher als die vollendetſten Glieder der Schöpfung ſoll-
ten allein das unſterbliche Geſetz Lügen ſtrafen?
Wenn das Grab Alles, Alles endete - wo bliebe
der Sinn für die unbegreifliche Vernichtung des Kin-
des, des ſtarken, ſorgenden Mannes, der treuen Mut-
ter, die mit brechendem Herzen auf ihre armen Klei-
nen ſchaut, des in Jammer hinſiechenden Greiſes; oder
für die Schonung des Schurken, welchen die defecte
Waage der menſchlichen Gerechtigkeit nicht zu leicht findet?
Ob der Tod das letzte Reſultat unſeres Lebens iſt,
beweiſt uns kein Sterblicher; daß er es nicht ſein kann,
beweiſt ſchon die unausöſchliche Fähigkeit unſeres Gei-
ſtes, nach unſerm künftigen Schickſal zu forſchen und
darauf zu hoffen. K. T.

Die Lebensjahre.)
Jm allerengſten Rahmen über die Lebensjahre des
Menſchen, über Leben und Tod zu ſchreiben, iſt mir
als Aufgabe geworden. Des Menſchen irdiſch Leben
iſt eine Kette von Thaten und Leiden, die der Tod ab-
ſchließt, aber der Keim eines himmliſchen Lebens wächſt
prangend aus dem Schlußringe des Todes, die Aufer-
ſtehung des Geiſtes folgt dem Untergange des Leibes;
dies iſt das Prinzip der Chriſtusgeſchichte, ſo unbefrie-
digend für den Forſcher, wie die Löſungen, die uns
Strauß, Wislicenus und Renan zu geben verſucht ha-
ben. Ach, wer mir ſagen könnte, was das Leben iſt!
Das Auge der Seele ſchweift forſchend und fragend
umher, es ſieht, gleich einem im Sonnenlicht ſpielen-
den Schmetteringe, der voll Luſt die ſchönſten Blüthen
umgaukelt, das harmloſe Kind, ſcherzend mit dem Fe-
derball ſeiner Jahre; es ſieht den Jüngling und die
Jungfrau in des Daſeins roſigſten Empfindungen, keck
emporſtrebend zu den goldenen Höhen der Zutunſt auf
Flügein der Lebe und der Hoffnung, naſchend von den
ſüſen Früchten der Zeit, ſorglos wie das Kind, aber
um vikles näher dem dunklen Grabe; es ſieht den ern-
ſten Mann und das kältere, erfahrene Weib, noch kraft-
voll, aber herabgeſtimmt durch die Trübſale des Schaf-
fens und des Gebärens. Jhr Nacken trägt die ſtär-
kere Laſt der Jahre zwar mit Muth, aber mit der
Ruhe der Reſignation und mit einem Blicke, der nicht
mehr wie bei den zwanzigjährigen im Feuer der him-
elſtürmenden Heſnung glüht; es ſieht den Greis und
de reſin, gebeugt durch Alter und Kummer, Ent-
täuſchung, were Sorgen ſür die Aufgabe des Da-
ſeins. Das Leben iſt ſo lurz und die Arbeit iſt ſo
iei! Nur enige Schritte noch, dann komnit des Al-
ters Hinfälligkeit, des Lebens Ende, und ſtatt der früh
gehofſten goldenen Höhen harrt des Müden der ſchwarze
Abgrund des Grabes, in den er faſt willenlos hinunter-
gezogen wird. Die Bürde des Daſeins iſt ihm zu
ſchwer, er iſt ſich ſeibſt zur Laſt geworden und er folgt
dem verhängnißvollen Zuge alles Sterblichen mit dem
letzten Hauche: "Das Leben iſt ein Traum; ich habe
ausgeträumt."
Es iſt der gewaltige Schnitter "Tod", welcher
über ihm in den Lüſten ſchwebt und deſſen Gebot wie
Eisluſt an ſein Herz tritt: "Dein Sand iſt abgelau-
fen - gehe in's alte Bett und ſchlafe wohl!" Wie,
das ſollte das ganze Ende eines Meuſchenlebens ſein?
Bliebe von ihm wirklich nichts übrg, als das Häuf-
chen Staub, weiches die Uhr des Todes abgeleiert?
Wer mir ſagen önnte, was der Tod iſt! Man-
cher Wſſensdurſtige würde ſür die Löſung des großen
Räthſels willg ſein Leben hingeben, denn er käme zu
einem ſchöneren Sein, wenn ihm die Gewißheit eines

*) Dem "Hausfreund" entnommen
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