Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Nr. 42

Samſtag, den 31. Oktober 1868.

Jahrg

Erſcheint Mittwoch und Samſtag.Preis monatlich kr. Einzelne Nummer à 2kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untere ſtr
und ber den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Jm Zuchthauſe
Erzählung aus der Wirklichkeit von W. Wauer

(Fortſetzung.)

Es würde dem Oberinſpektor gemeldet, daß die
Criminalbeamten bei der Leiche ſeien und daß der
Geiſtliche zu Kendelbacher wolle. Dieſer aber verbot es.
"Wollen Sie mir - noch etwas Gutes erweiſen,
Herr," ſagte er, "ſo halten Sie mir - den Schwarz-
rock vom Leibe.
"Du hätteſt wohl nöthig, Dich mit Gott zu verſöh-
nen," mahnte Norrmann; der Sterbende aber lachte
höhniſch.

"Durch den Pfaffen? - Nein! - Nein! - Aber
die Herren ſollen ſich nicht zu lange - mit dem tod-
ten Hunde - aufhalten - Sie ſollen kommen."
"Haſt Du noch etwas Befonderes zu ſagen?"
"Nein, Herr, döch ich will nicht - daß meine Ka-
meraden in Verdacht kommen - um meine That ge-
wußt zu haben."
Der Oberinſpektor ging in den Saal, worin der Er-
mordete lag und wo er den Arzt und die Criminalbe-
amten fand. Er ſchauderte, als er die blutige Leiche
des verhaßten Mannes erblickte den er noch lebend vor
kaum einer Stunde an ſich vorüber hatte gehen ſehen.
Auf dem Tiſche lag das blutige Tranchirmeſſer. Sein
Auge fiel auf Michael, der todtenblaß an der Wand
lehnte.

Bei dieſen Worten ſchlug Jerſowich mit dem Stocke
den er ſtets bei ſich zu führen pflegte, auf Kendeidacher
los, beſonders aber auf den noch immer ſehr ſchmerz-
haſten übrig gebliebenen Theil des amputirten Armes.
Der Gemißhandelte ſtieß ein Schmerzensgebrüll aus,
wie ein verwundeter Tiger, gleich darauf aber erfolgte.
ein anderer Schrei aus dem Munde des Direktors und
im ſelben Augenblicke taumelte dieſer blutend zurück.
Noch einmal jagte ihm Kendelbacher dann wuthent-
brannt das Meſſer in die Kehle, da er ihm vorher die
Bruſt durchſtochen hatte, und als ſich die Aufſeher auf
ihn ſtürzen wollten, riß er die furchtbare Waffe aus der
Wunde des bereits zur Leiche Gewordenen und ſtieß ſich
dieſelbe, ehe man es verhindern konnte, in die Bruſt.
Niemand wußte, woher das Meſſer gekommen, Niemand
hatte es vorher bei dem Geſangenen bemerkt.
Als die nöthigen Geſchäfte hier vollendet waren, be-
gab man ſich zu dem Sterbenden, der unteroeſſen ſehr
ſchwach geworden war; man mußte fürchten, keine Aus-
ſage mehr von ihm zu erhalten. Doch Normans Nähe
wirkte augenſcheinlich belebend auf ihn und er ſagte u
dieſem ſehr ſchwach, käum noch hörbar:
"Eine halbe Stunde Leben, Herr - dann thue der
Keufel das Seine an mir!"
Der Arzt gab ihm einige Tropfen aus einem klei-
nen Fläſchchen und alsbald belebten ſich ſene Züge,
ſeine Augen. Neue Lebenskraft ſchien über ihn zu
kommen und mit ziemlich kräftiger Stimme ſprach er:
"Jch möchte aufrecht ſitzen."
Norrmann brachte ihn ſanft und vorſichtig in eine
ſitzende Stellung und Kendelbacher begann nun:
"Jch habe keine Mitſchuldigen; die That iſt van
mir ſeit Jahren ſchon beſchloſſen, doch bisher ſtets durch
die Liebe und die Ehrfurcht, welche ich vor dem Ober-
inſpektor hegte, hinaus geſchoben worden. Jch ſtand
ſchon ſo tief unter ihm, ich wollte in ſeinen Augen nicht
noch tiefer ſinken, indem ich zum Mörder wurde. Ein-
mal zwar konnt' ich der Luſt nicht wiederſtehen, unſern
Quäler zu beſeitigen; der Oberinſpektor war verreiſt
und ich beredete meine Kameraden zu einer Revolte,
in welcher des Direktors Tod die Hauptkataſtrophe bil-
den ſollte, doch ſie ſchlug fehl und wir hätten es furcht-
bar hüßen müſſen, wenn nicht der edle Norrmann für
uns gebeten, über uns gewacht, uns beſchützt hätte. Jch
machte mir nichts daraus, daß meine Strafe um ein
Jahr verlängert wurde, denn ſo lange mein Oberin-
ſpektor blieb, mochte ich gar nicht fort von hier. Auch
der Verluſt meines Armes ſchmerzte mich nicht ſehr

"Was willſt Du hier? Geh' hinauf und bleib' bei
den Frauen!" rief er ihm zu.
Es folgten nun all' die bei ſolchen Begebenheiten
uöthigen Akte. Das Protokoll der bei der That gegen-
wärtig Geweſenen ergab Folgendes: Die Gefangenen
wären ſchon wieder in den Arbeitsſälen, als Kendel-
bacher von dem Hausvater herunter kam; er ging in
die verſchiedenen Säle und vertheilte, wie Norrmann es
angeordnet, die Strümpfe an die Gefangenen. Zuletzt
that er dies in dem Saale, worin er täglich arbeitete.
Eben war er mit der Vertheilung zu Ende gekommen
und die Sträflinge ſtanden noch um ihn her, als der
Direktor eintrat.
Warum arbeiten die Kerle nicht?" ſchrie er. "Aha,
Kendelbacher in der Mitte! Wird wieder ein Com-
plott geſchmiedet?"
"Jn Gegenwart der Aufſeher?" fragte Kendelbacher
höhniſch. "Das müßte doch ein putziges Complott ſein?"
"Raiſonnirt das Vieh noch? Wart', ich will Dich's
lehren!"
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