Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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orgen, Sie olen nicht mehr darben, dech ſcheiden Sie
fogkeich von der Geſellſchaft."
"Das ſoll mit Vergnügen geſchehen! Non, ich danke
hnen," ſagte ſie, und eine innere Bewegung verrieth
ich ſowohl auf ihrem Geficht als in ihrer Stimme.
"Jetzt will ich aber meiner armen Michaela einmol ein
ſchöne Mittagbrod beſorgen! So gut iſt es uns lange
icht geworden. Leben Sie wohl! Sie ſind noch immer
der alte Michael, der Gute!"
Sie entfernte ſich raſch, traf aber in der Thür mit
utonie zuſammen, an der ſie mit einer Verbeugung
vorüber eilte. Dieſe ftand wie verſteinert und ſah der
Forteilenden nach. Als ihr Gatte fie erblickte, eilte er
aaf ſie zu, fie aber ſtieß ihn heftig von ſich.
"Fort ron mir, falſcher, eineidiger Verräther!"
rief ſie aus. "Alſo darum wird mein Kind zur Thür
binans geſchickt, daß Du mit dieſem verworſenen Weibe
ungeſtört beiſammen ſein kannft! O ich kenne ſie noch
ſehr gut, obwohl ich fie nur einmal ſah! Alſo ihr
werd' ich zu Opfer gebracht!"
Michael trat zurück.
"Antonie, Gott vergebe Dir, wie ich es thne!" ſprach
er mit verſagender Stimme.
Er ſchwankte zum Fenſter, plötzlich aber griff er
it beiden Händen in die Luft, als wolle er fich an
irgend Etwas halten und fiel in farchtbaren Krämpfen
zn Boden. E war dag erſte Pal, daß fich dieſe ent-
ſePiche Krankheit uach jener Zeit wiederholte, als ſie
ihn ebenfalls um Noſalinens willen und darch Anto-
iens Bericht hervorgerufen, vor nun faſt eif Jahren
befiel, Letztere ward von einer narenlof Angft er-
griffen. Vol Verzweiſtnug ſtürzte ſte zur Glocke und
autete, daß es das ganze Scloß duchichallte; dann
kehrte ſie zu ihrem Gatten zurü, dem fie jammernd
und ſich ſelbſt anklagend die Schläfe mit kalte Maſſer
wuſch. GMeich darauf erſchien Rorrmann und ſtieß
einen Laut des Entſetens aus, als er dan eund in
iolchem Zuſtande wie derſand. Voch wie immer gefaßt
öffnete er die Thür und rief mit ſeiner Löwenſtimme
hinab:

gepuderte Kreppfriſur, Brillantringe ſtrahlten an ihren
Fingern, als Zeichen der Dankbarkeit geweſener Pa-
tienten oder - reicher Erben, Manſchetten von den
feinſten Spitzen zogen ſich um ihre Hände, ein Rock
von ſchwarzem oder rothem Sammet bedeckte den Kör-
per und ein ſpaniſches Rohr mit goldenem Knopfe
diente zur Stütze des einen Armes, indem ſie unter
dem anderen das kleine Hütchen trugen. - Jetzt iſt
ein Arzt gekleidet wie alle anderen Menſchen, alle Gra-
vität iſt verſchwunden, welche oft bewirkte, daß ein
Kranker ſchon vom Anſehen geſund wurde, und mit
dem Aeußern des Arztes hat ſich auch die Art, die
Kranken zu behandeln, mächtig verändert. - Ein Bei-
ſpiel möge dies erläutern. - Dr. ., ein halber Ho-
möopath, kam einſt zur Baronin M., deren Arzt er iſt
und welche er an einem zurückgetretenen Schnupfen be-
handelte. Er trat ein, liebtoſ'te das Schooßhündchen
der Onädigen, zwickte im Vorübergehen das Stuben-
iädchen in die Backen, gab dem Papagei ein Stück-
chen Zucker, trat dann zum Bette und ſprach mit ſanf-
ter, lispelnder Stinme: "Nun, wie geht's heute,
ſchönſte Baroneſſe? O, Sie ſehen ja ſchon wieder aus
wie ein Engel," ſetzte er hinzu, "die Augen ſind nicht
mehr wübe, ſie glühen ſchon wieder, und die Roſen
blühen auf den Wangen." - "Jch bin doch noch nicht
gez wohl," verſetzte die Kranke und hielt ihm den
Arn hin. Ea wiſchte ſich die Hand mit einem bati-
ſtenen Taſchentuche ab, faßte daun den Arm, drückte
ihn ſanſt und betaſtete den Puls lange, denn die Fran
hatte einen ſchönen Nrm; dann ſagte er mit zufriede-
nem Lächeln und einem Kuß auf den ſchönen Arm,
den er ſanſt wieder unter die Decke ſchob: "Jn drei
bis vier Tagen iſt Alles wieder gut, nur ſo fortgefah-
ren, leichte Nhrung nehmen, ſich warm halten und
nicht angghhenm" "Richt ausgehen? Was fällt
Jhnen ein, Doktor? Jch muß dieſen Abend in's Con-
cert, werin ine Nichte ſingt; ich hab's ihr verſpro-
chen. Jch werde mich recht warm einhüllen und fah-
ren, das rerſteht ſich." - "un, wenn Sie fahren,
meine nädige, ſo mag's darum ſein, aber bleiben Sie
nicht lange." - "Ei, liebes Doktorchen, den Anfang
des Balles recht' ich doch gern abwarten." - "Nun,
ſo ſehen Sie ein etelſtündchen mit zu, - aber -
nicht ſelbſt mitmachen." "Jch werde keine Ecoſſaiſe,
keinen Lalzer tanzen, höchſtens eine Polonaiſe, dabei
geht nan ja ohnedies nur herum." - "Sie liebe, eri-
geante Frar, nun meietwegen, aber nicht ſoupiren."
- "Ob ich mein Hühnerflügelchen dort oder zu Hauſe
eſſe, ras liegt den daran, Doktor?" - "So ſei's, aber
wenigſtens keins hitzigeu Getränke." - "Ach! Ein Glas
Punſch! Das reiſt den Schnupſen." - "Nun ja, gut,
gut; aber nur nicht z ſpät nach Hauſe kommen." -
Hiermit empfahl ſich der Arzt. - Die Dame tanze
viel, ſoupirte ſterk, trank nicht wenig, aß Backperk von
allen Sorten, kam des Morns um vier Uhr nach
Hauſe und ward ech gſund! Kurirt ein Arzt noch
jetzt auf dieſe Oeiſe! -

"Der Arzt ſoll kommen!"
Dieſer wohnte im Schloffe und war von dem Be-
fitzer deſſelben angeſtellt, um bei jedem vorkenmenden
Krankheitsfalle ſorohl in der Familis, als bei den
Untergebenen ſogleich helfen zu tönnen. Seinen Be-
mühungen gelang es endlich, den Krampf z bannen,
ſo daß der Kranke zwar noch bewußtlos, doch nur in
ohnmächtiger Grſchöpfung dalag. Curt trng ihn hinab.
Michael wurde in's Bett gebracht und verfiel in einen
fieberhaften Schlaf. Der rzt blieb bei ihm: Norr-
mann winkte Antonie, ihm zu folgen. Sie zitterte;
denn wenn er fragte, was vorgefallen, mutzte ſie Alles
geſtehen. Und wenn es der Vater erfuhr!
(Schluß folgt.)

Oin Arzt von ſonſt und jetzt.
Die vormaligen Aerzte waren ſehr verſchieden von
den heutigen. Sie waren zuſammengeſtutzt, als ob ſie
eben aus einem Schächtelchen kämen, trugen eine hohe
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