Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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meine Arme zurückgeführt haben; ach, wie ich jetzt ſo
froh und glücklich vor Euch ſtehe, läge ich wohl, von
der Schreckenskunde niedergeſchmettert, ſtarr und kalt
mit gebrochenem Herzen, wenn die wolfswüthigen Bauern
Euch ein Leid zugefügt. O dies tolle, böſe, gottver-
geſſne Volk! Verzeiht, meines Herzens Wonneſchein,
es iſt mir noch immer, als ob's nicht möglich ſein
könnte, als ob ich nur eine ungeheuerliche Mähr ge-
hört, wie Jhr vorhin zu mir von dem Greuel in
Weinsberg und von der grauſamen Bosheit ſpracht, die
das Bubenvolk gegen den edlen Grafen von Helfenſtein
ansgeübt; es iſt denn gewißlich wahr? -"
(Fortſetzung folgt.)

ihm die Nacht ſchlaflos, und je mehr ſich der Morgen
näherte, deſto ängſtlicher ward er,
Seine Frau, die noch keine Nacht geſehen hatte,
welche ihrem Manne ſchlaflos vergangen war, ward
ſehr ängſtlich und bereitete ganz betrübt ihr Frühſtück,
als ſie auf einmal ausrief: "Du lieber Gott!"
Aufs Neue erſchreckt ſprang der Todtengeäber aus
dem Bette, und Beide betrachteten die Perücke deſſel-
ben, von welcher alle Haare abgeſengt waren.
Jetzt war unſer Held wieder ein fröhlicher und
glücklicher Mann, denn das Ziſchen war erklärt. Er
war in ſeinem Arbeitseifer dem Lichte zu nahe gekom-
men und hatte ſeine Perücke verbrannt.

Theaterbericht
Am Freitag und Sonntag hatten wir das Vergnügen, Suppe's
leichte Cavallerie zu hören und ſind diesmal im Stande einen wirk-
lich günſtigen Berichi ſowohl über das Stück, wie über die Auffüh-
rung zu geben. Das Libretto enthält zwar keine neuen Situationen
und darf auf Originalität keinen Anſpruch machen, das Gegebene
aber iſt ſo geſchickt und überraſchend zuſammengeſtellt, die Gegenfätze
der Charaktere und Situationen ſind ſo glücklich gewählt, daß gewiß
auch dem Buche ein nicht unbedeutender Antheil an dem Erfolge zu-
zuſchreiben iſt, den dieſe reizende Operette noch überall, wo ſie bisher
zur Aufführung gekommen, gefunden hat. Die Muſik gehört gerade-
zu zum Beſten, was der Componiſt geſchrieben hat und damit iſt
ſicherlich viel geſagt. Sowohl in den lyriſchen, als in den dramati-
ſchen Partien, vom leichten Tanz kis zur Schilderung tiefer Weh-
muth und Trauer, überall erfreut uns dieſelbe Friſche der Erfindung,
dieſelbe Originalität der Auffaſſung und dieſelbe Charakteriſtik des
ſpeeifiſch ungariſchen Weſens mit ſeiner wilden und doch ſo tiefen
Poeſie. - Auf Einzelnes können wir hier nicht eingehen; wenn wir
aber Eine Nummer vor allen andern hervorheben wollen, ſo iſt es
das Enſemble am Schluß des zweiten Aetes, wo der Componiſt
durch den Reichthum, die Nobleſſe und tiefe Schönheit der Behand-
lung und Erfindung den Boden der großen Oper zu betreten ſcheint.
Trotz den unendlichen Schwierigkeiten, die dieſe Muſik bietet,
war, wie ſchon geſagt, die Aufführung eine durchaus gelungene und
wir haben uns in der That über die ſchwache Anerkennung derſelben
von Seite des Publikums wundern müſſen. War es doch, als gelte
der ſpärlich geſpendete Beifall mehr den reizenden Huſarenuniformen
des Damenchors, als der mit ſo vieler Mühe einſtudirten und ſo
gut reprodneirten Compoſition. Aber freilich, ſolche Muſtk muß
mehr als Ein Mal gehört werden, um ihren Weg zum Herzen zu
finden und wir wünſchen deshalb, daß das Publikum durch einen
fleißigen Beſuch dieſer trefflichen Operette der Direetion häufigere
Wiederholungen ermöglichen werde, als ſonſt mit ſolchen Stücken in
Heidelberg der Fall zu ſein pflegt. - Von den einzelnen Mitwirken-
den heben wir vor Allen Herrn Pägelow hervor, der in Spiel und
Geſang die ſchöne Rolle des Janos zur vollen Geltung brachte, ferner
die Fräuleins Klarmann und Herwegh, die den großen Schwierig-
keiten ihrer Partien aufs Glücklichſte gerecht wurden. Unſere weitere
Anerkennung Herrn Direktor Widmann für die reiche und geſchmack-
volle Ausſtattung und Herrn Kapellmeiſter Heber für ſeinen Fleiß
und ſeine Ausdauer, wodurch allein eine ſo baldige Aufführung der
Operette möglich gemacht worden iſt. Zum Schluß bemerken wir
anläßlich der mit ſo vielem Beifall aufgenommenen Couplets des
Gemeinderaths, daß das Weſen des Cvuplets ganz und allein in der
Schärfe der letzten Pointe ruht, daß mit Abſchwächung derſelben
der ganze Sinn des Couplets verloren geht und daß in Heidelberg
doch dieſelbe Freiheit zu Haus ſein ſollte, wie ſie ſelbſt die ſtrenge
Polizei großer Reſidenzſtädte geſtattet.

Eine Geſpenſtergeſchichte
Zu Wakefield in orkſhire lebte ein alter Mann
der einen muntern Geiſt, ein gutes Herz und eine
dauerhafte Geſundheit hatte. Er war Sacriſtan und
der würdige Pfarrer ſein Vorbild, zugleich war er
aber auch Bildhauer und Todtengräber, d. h. er be-
grub ſeine Todten, ſchmückte deren Gräber und ſchrieb
die Grabſchriften auf Platten und Kreuze. Aus oben
angegebenen Gründen war er weder furchtſam noch
abergläubiſch, und auf dem Kirchhofe zu jeder Stunde
zu Hauſe.
Spät im Herbſte hatte er auch eine Grabplatte zu
fertigen, war aber erſt von ſeiner Arbeit abgerufen
worden; um nun zu dem Tage, wo ſie aufgerichtet
werden ſollte, fertig zu ſein, beſchloß er, Abends zu
arbeiten.
Er zündete ſich daher ſeine Laterne an und ging
nach der Vorhalle der Kirche, wo ſein Atelier war,
nahm das Licht heraus und arbeitete fleißig; als er
ziemlich fertig war, ſchlug es elf vom Thurme: kaum
war der letzte Schlag verklungen, ſo hörte er dicht an
ſeinem Ohre das Wort "his." Er fuhr zuſammen,
ſchaute ſich um, ſah aber nichts; ruhig arbeitete er
weiter, jedoch bald hörte er denſelben Ton noch ein-
mal; er ſchrak wieder zuſammen, Furcht und Schrecken
ergriff ihn, aber er mußte fertig werden, und es ſchlug
halb zwölf. Er ergriff noch einmal den Meißel, denn
er hatte nur noch die Buchſtaben zu verbeſſern, und
bog deshalb den Kopf dicht auf den Stein; aber lau-
ter und unheimlicher ließ ſich das ominöſe Ziſchen ver-
nehmen. Er warf daher den Meißel hin, ergriff ſeine
Laterne, ſteckte das Licht wieder hinein und eilte unter
dem Glockenſchlage zwölf ſeiner Wohnung zu.
Er ging zu Bette, konnte aber nicht einſchlafen,
und unwillkürlich drängte ſich ihm der Gedanke auf,
daß dieſer Ruf an heiliger Stätte, und zwar dreimal,
eine Aufforderung ſei, ſich zu dem letzten Gange vor-
zubereiten. Er war bereit, vor den höheren Richter
zu treten, denn ſein Wandel war ein reiner; aber
gleichwohl war die Erde doch zu ſchön, um ſie ſchon
zu verlaſſen, und die Aufforderung war von keiner
Engelsſtimme gekommen, es klang eher wie das Ziſchen
einer Schlange. Von ſolchen Gedanken bewegt, verging
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