Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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fäcke, Hautſchaber und Wollkrätzer hier in der Stadt
größtentheils den ketzeriſchen Lehren, die drüben in
Mühlhauſen verbreitet werden, geneigtes Ohr leihen
und zu den mörderiſchen Bauern halten; das muß ja
bald zum Losplatzen kommen. Was ſoll da ein Frie-
densdankfeſt?! Kommt mir vor wie Spott! wie eitel
Gimpel Gampel!"
"O ihr böſen Männer," meinte Richenza und drohete
dem Ritter mit dem ſchlanken Finger ihrer ſchönen
Hand; "ihr ſeid nur immer auf's Schlagen, Balgen
und Raufen bedacht, aber wart' nur, ich werde heut'
auf's inbrünſtigſte zu unſerer gnadenreichen Mutter
beten, daß ſie euch das böſe Lüſtlein lege und uns den
Frieden gnädiglich bewahre."
Mit einem innigen Kuß ſchloß der Ritter den klei-
nen, ſchmählenden Mund, nahm den Arm der ſchönen
Frau und führte ſie die Stiegen hinab auf die Straße,
und dem Gotteshauſe zu. - -

Gnze Dorfſchaften waren in Schutthaufen verwan-
delt und ihre Bewohner zu Bettlern gemacht; ſolcher
lagen auch bei dem heutigen Dank- und Friedensfeſte
viele in Lumpen gehüllt und manche grauſam verſtüm-
melt oder mit eckeln unheilbaren Schäden behaftet un-
ter den Linden und unter dem Portale des der heili-
gen Jungfrau geweihten Gotteshauſes und ſtreckten,
flehentlich um milde Gaben bittend, den Andächtigen,
deren Leib und Habe das Kriegswetter verſchont, die
abgemagerten Hände entgegen. -
Da lag auch am Portale, gerade unter dem Bilde
der gnadenreichen Mutter, ein armer Greis, betete mit
großer Jnnigkeit ſeinen Roſenkranz und wünſchte den
milden Gebern Heil und Segen, welche erbaut das
Gotteshaus verlaſſend, manchen Mariengroſchen und
manchen Scherf in die aufgehaltene Hand des Alten
gleiten ließen. War doch Ziligax Henne, ſo hieß der
Bettelmann, wohl jedem Kinde in der Stadt als ein
ſchwerheimgeſuchter Mann bekannt, dem es nicht einſt
an der Wiege geſungen ward, daß er ſeine alten Tage
durch der Leute Milde friſten ſollte. - Man ſah's dem
Ziligax auch an, daß er einſt beſſere Tage geſehen,
denn ſolch ein Apoſtelkopf mit treuen, klugen Augen,
wie ihn der Ziligax auf ſeinem langen, dürren, von
einer Art Mönchsgewand umfloſſenen Leibe trug, formt
ſich nicht leicht bei ſolchen, die von Jugend auf unter
Noth, Elend und wüſtem, ecklem Treiben in der Bett-
lerherberge aufgewachſen ſind, und von Kindesbeinen
an Lug und Trug übend, in dem zerlumpten Haufen
der "Stäbler", "Grätner", "Kameſirer" und anderer
verlogener und betrügender Bettler mitlaufen. - So
mochte auch unſere ſchöne Richenza von Gehofen über
den Ziligax denken, welche eben das Gotteshaus ver-
laſſend und unter das Portaltretend, mit einem freund-
lichen, theilnehmenden: "Grüß Gott, guter Ziligax!"
dem Bettelmann eine reiche Gabe in die dargereichte
Hand fallen ließ, ſodann aber mit ſtolzem, ja majeſtä-
tiſchem Anſtande die zu der Straße führenden Stufen
hinabſtieg.
"Verdammt ſei die Sontpin (Edeldame) und das
ganze Bſchuderulm (Edelvolk)! brummte ingrimmig ein
hinter dem Ziligax ſtehender, jugendlicher Bettler, der
einen verſtümmelten Arm in der Binde trug.
Wer dieſen jungen Bettler vor ſeinem Zornesaus-
bruch betrachtet hätte, wie er geſenkten Hauptes und
mit der demüthigen Miene, wie ein rechtes Jammerbild
daſtand, würde ſich höchlichſt verwundert haben über die
plötzliche und ſeltſame Veränderung, die unter dem aus-
geſtoßenen Fluche im Geſicht und in der Bewegung des
demüthigen, trübſeligen Bettlers vorging. Seine grauen
Augen ſprüheten en grimmes Feuer, ſein gewaltiges
Gebiß, dem auch die härteſte, erbettelte Brodrinde nicht
zu hart war, knirſchte laut aufeinander und die eine
geſunde Hand, welche er noch hatte, umfaßte krampf-
haft den derben Knittel, der ihn ſtützte.
Ziligax, der allein den Fluch des Bettelgenoſſen ge-
hört, wandte ſich unwillig und in ſeltſamer Erregung
mit den Worten nach ihm um: "Hältſt Du ſo Dein
Verſprechen, Heinz?! Haſt Du rachſüchtiger, boshafter

Die Kirche zu Unſerer lieben Frau war von from-
men Betern überfüllt, ſo daß viele der Andächtigen, die
in bunter Menge aus Stadt und Dorf herbeigeſtrömt
waren, draußen unter dem in Lenzesfriſche prangenden
Laubdach der Linden knieen mußten und nur ab und
an ein erbauliches Wörtlein auffangen konnten, welches
dem beredten Munde des ehrwürdigen Paters Johaunes
entfloß, der drinnen in den Weihrauch-duftenden Hallen
Gott lobte für gnädig hergeſtellten Frieden, und die
Andächtigen in langer Predigt ermahnte, feſtzuhalten
am Glauben und an den Heilslehren der Kirche, damit
des Herrn Zorn nicht ein neues Strafgericht über Stadt
und Laud verhänge. -
Es that auch wahrlich große Noth, daß der Streit
zwiſchen den Heiligenſtädtern und dem Stadt-feindlichen
Adel endlich zu Dingelſtadt vertragen war, denn länger
als dreißig Jahre hindurch hatten, nur ab und an von
wenigen, kurzen Friedensjahren unterbrochen, blutige
Fehden Stadt und Land grauſam geſchädigt. Schon im
erwichenen Jahrhundert war die Stadt um geringer
rſache willen mit Haiſo und Tilo von Kerſtlingerode
in Fehde gerathen, welche mit Rauben, Brennen und
Sengen den Bürgern merklichen Schaden gethan, und
kaum war das vertragen, ſo ging wieder ein blutiger
Tanz mit denen von Hanſtein los. Eine Fehde folgte,
da der Adel unter ſich eng zufammenhielt und leicht
Urſache zum Streit fand, wenn er nur wollte, der an-
dern, und das machten ſich beſonders die aus dem ver-
armten Adel zu Nutze, die auf ihren baufälligen Stei-
nen ſaßen und oft kaum ſo viel hatten, den Hunger zu
ſtillen. Dieſe neideten giftig den Bürgern ihren Wohl-
ſtand, beuteten den ewigen Kriegstumult für ſich aus
und plackten und beraubten ohn' Unterlaß Alles, was
ſtädtiſch war. Auch ließen ſich dieſe grauſamen "Hecken-
reuter" und "Scharlachhändler" nicht am Raube genü-
gen, ſondern verſtümmelten wohl gar, nach grauſamer
Räuberſitte der Zeit, die armen Gefangenen an Händen
und Füßen, oder zwangen ihnen, wenn ſie begütert
waren, durch unmenſchliche Mißhandlungen und Mar-
tern ain hohes Löſegeld ab.
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