Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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die Edelfrau Dich, das Kind der Hörigen, auf die Knie
nahm, herzte, küßte und reich beſchenkte. Oft war die
Gute Zeugin Deines wilden, unbändigen Weſens, und
dann hat ſie mir immer den geleiſteten Eid eingeſchärft,
denn ſie fürchtete als eine kluge Frau mit Grund, daß,
wenn Du herangewachſen, einſt um das Geheimniß
wüßteſt, Du es im Drange Deines wild aufbrauſenden
Kopfes nicht bewahren und großes Unheil anrichten
würdeſt. Unheil aber hätte nur daraus entſtehen kön-
nen, da Du mit Deiner Schweſter, weil ihr Baſtarde,
keinerlei Recht verfolgen und beanſpruchen konnteſt, und
noch den Hohn, den Spott und die Verachtung dazu
gehabt hätteſt, die auf nicht in rechtmäßiger Ehe gebo-
renen Kindern laſtet. Noch auf dem Sterbelager, nach-
dem wir ſchon längſt unſer Sündenleben aufgegeben
und ſchwere Buß- und Bittgänge gethan, hab' ich Dei-
ner edelgeborneu Mutter den Eid wiederholen müſſen
und habe ihn ſtets getreulich gehalten, und - nun
Heinz, hat mich die Liebe zu meiner Tochter und
Deine wilde Rachgier gezwungen, den heiligen Eid zu
brechen! -


(Schluß folgt.)

Miseellen.
(Erfahrungsſatz.) Es iſt eine merkwürdige Erſcheinung
daß Menſchen, die abgebrannt ſind, einen unwiderſtehlichen Tries
haben, zu pumpen und zu löſchen.

anbefohlen, ohne Anſehen der Perſon mit aller Schärfe
grgen diejenigen vorzugehen, die ſich ſo weit vergeſſen,
das ſechſte Gebot außer Acht zu laſſen, weil dieſe
Sünde viel Erb- und Lehnsſtreitigkeiten, ja Mord,
Todtſchlag und Gräuel aller Art zur Folge gehabt
hatte. -
Gott verzeih's tauſendmal in ſeiner unerſchöpf-
lichen Gnade, die ſündlichſten Gedanken beſchlichen uns.
wir waren rathlos, die Schande zu verbergen.
"Da half in der höchſten Noth ein glücklicher Zu-
fall oder vielmehr eine gnädige Schickung der allbarm-
herzigſten Mutter, deren Barmherzigkeit und Mitleid
wir täglich und ſtündlich unter vielen Reuethränen an-
flehten. Mein rechtmäßiges Weib nämlich, das unbe-
wußt nur Deine Pflegemutter geweſen, genas eines
überaus ſchwächlichen Knäbleins in ſchwerer Geburt
und lag faſt bewußtlos zu derſelben Zeit, als die
Edelfrau auch Dich als ein blühend ſchönes Kind zur
Welt brachte. Unter dem Vorgeben, daß ſie ſich auf
mehrere Tage zu einer ſchweren Buße und Kaſteiung
eingeſchoſſen habe, durfte Niemand von der Diener-
ſchaft, vor der ſie ihren Zuſtand glücklich verborgen,
zu ihr, ich aber war, da mir ein verſteckter Gang Zu-
tritt zum Gemach verſchaffte, faſt ſtündlich bei ihr, aber
wir waren noch immer rath- und troſtlos was mit
Dir anzufangen.
"Da kam am zweiten Tage Deiner Geburt Hülfe
in der höchſten Noth, - es iſt ſündlich zu ſagen, nicht
mit Schrecken, ſondern mit Freuden bemerkte ich am
frühen Morgen des Tags, daß das ſchwächliche Kind
meines rechtmäßigen Weibes todt war und ſteif in dem
Arme ſeiner tiefſchlummernden, kraftloſen Mutter lag.
Schnell war mein Entſchluß gefaßt, ich ſchaffte die
kleine Leiche bei Seite, um ſie ſpäter zu begraben,
huſchte mit der Eile des Windes auf's Schloß zu Dei-
ner Mutter, nahm Dich unter meinem Mantet und
trug Dich in die Arme meines noch ſchlummernden
Weibes, das den Tauſch niemals gemerkt und Dich
als ſeinen eigenen Sohn aufgezogen hat." -
Der Alte hielt erſchöpft einen Augenblick inne,
während Heinz finſter brütend vor ſich hinſtarrte und
unter bitterm Lächeln die Worte vor ſich hinmurmelte:
"Hm, es iſt doch manchmal ein ſonderbar Ding um
das reine adelige Blut, worauf das bauernſchindende
Edelvolk ſo ſtolz thut." -
Ziligax ließ ihn nicht weiter reden, ſondern fuhr
fort; "Auf daß unſer ſündlich Thun und Treiben auf
immer mit Nacht bedeckt bleibe, und das Erbrecht Dei-
ner Schweſter, die Deine Mutter über Alles liebte,
nicht angegriffen würde, mußte ich ihr einen theuren,
heiligen Eid auf einen Heilthumsſchrein ſchwören, daß
ich das ſündliche Geheimniß jedoch mit Weglaſſung der
Namen und aller nähern Bezeichnung, nur meinem
frommen zuverläſſigen Beichtiger, ſonſt aber niemals
einem Menſchen der Welt vertraven ſolle, damit weder
ſie, noch die Richenza in Kummer, Leid und Schmerz
komme. - Du haſt eine heitere, freudevolle Kinderzeit
durchlebt, nicht wahr, mein Heinz? Wie oft warſt Du
im Schloß und wußteſt nicht wie Dir geſchah, wenn

- (Lebensregel von Saphir.)
Wenn Jemand um den Hals Dir fällt,
So ſag nur gleich: Jch hab' kein Geld!

- Warum fragt M. G. Saphir, entſchließt ſich nicht ein
Mädchen zur Heirath mit einem Kaufmanne? - Warum? - Ei
darum, weil der Kaufmann ein Geldmenſch iſt, das heißt, ein Menſch,
der nach viel Geld ſucht; die Frauenzimmer lieben aber die Män-
ner nicht, die erſt viel Geld ſuchen, ſondern die ſchon viel Geld
haben. Der Kaufmann ſetzt einen Artikel, wenn er anfängt, alt zu
werden, im Preiſe herunter; eine Frau aber, wenn ſie alt wird, will
immer mehr gelten! Ein Kaufmann iſt ein Mann, der käuft und
verkäuft, die Frauen wollen aber nicht gekauft noch verkauft
werden, ſondern ſie wollen ewig geliebt und behalten ſein, und
darin haben ſie Recht.

- (Curioſa.) Jn einem alten württembergiſchen Geſang-
buche beginnt ein Buß-Tragtätlein mit folgenden Worten:
Alles Beten will nicht batten,
Sünden beißen mich wie Natten
Und der böſe Belzebull
Pampt in meiner Herzſchatull.

- "Ein ächter Patriot" - rief ein amerikaniſcher Volks-
redner bei einem Maſſenmeeting im Weſten - "ein ächter Patriot
muß für ſein Vaterland ſterben können, ſelbſt wenn's ihm das Leben
koſten follte." (Ungeheurer Beifall.)

- (Abfertigung.) "Wie," fragte ein vornehmer Höfling einſt
den gelehrten Karteſius, "eſſen die Philoſophen auch Rehbraten?"
als diefer ſich einen Braten ſchmecken ließ. "Warum nicht?" er-
wiederte der Philoſoph; "glauben Sie denn daß die Rehböcke blos
für die Dummköpfe auf der Welt ſind?
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