Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Zelhssblntt.

r. 51.

Mittwoch, den 2. December 1868.

1. Jahrg.

ſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich A kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr.
und bei den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Rache des Vettlers.
Erzählung aus dem Bauernkriege von Karl Seifart
(Schluß.)

Erſchöpft ſank Ziligar zurück und ſprach nicht mehr,
Heinz ſuhr laut weinend auf, ſaßte die ſchlaffe Hand
des Kranken und ſprach unter Schluchzen: "Jch will
mich rächen wie Du ſagſt, Vater, aber ich werde mei-
nen Tod davon haben, Du ſollſt von mir hören!" -
Ueberwältigt ſtürmte er zur Thür hinaus und bedeckte
vor den draußen harrenden alten Bregern die über-
ſtrömenden Augen mit der fieberheißen Hand.

"Wohl weiß ich, Heinz, wie Dich's jetzt treibt und
drängt in Deinem rach üchtigen Gemüthe, vor Deiner
Schweſter, der jetzigen Cdeln von der Schwalm, hinzu-
treten und ihren ſtolzen Gemahl mit den Worten nie-
derzudonnern: Horcht auf, edelblütiger Ritter, ihr habt
eines Bettlers Tochter gefreit, in ihren Adern fließt
das Blut, welches auch in den meinigen fließt, das Hunds-
blut, wie mein edles Schweſterlein ſagte. - Nicht war
Heinz, das thäte Dir wohler, als wenn Du Beiden
Dein gefürchtet Meſſer zu koſten gäbſt!?" ſetzte der Alte
mit leiſem Flüſtern hinzu und blickte mit durchborendem
Blick auf den Sohn, deſſen Bruſt ſtöhnend arbeitete;
Heinz kämpfte ſichtlich einen ungeheuren Kampf, die
Stimme verſagte ihm und er brachte kein Wort der
Entgegnung vor. Ziligax durſte hoffen, und da er das
im Grunde edle Herz ſeines Sohnes konnte, ſo wollte
er ihn durch das ungemeſſenſte Vertrauen vollſtändig
gewinnen und ſprach: Nun wohlan, mein Sohn, tritt
hin und ſchrei die Schande Deiner Schweſter und Deines
Vaters offen aus, damit Du mich, den Verzweifelnden,
zeitlich und ewiglich verderbſe: ich will Dir noch einen
guten Beweis zur Stütze Deines Verraths geben, ent-
blöße Deine rechte Schulter, wenn Du vor den Ritter
hintrittſt und ſprich: "Schaut her, edler Herr, das
braune Mahl, das Erdnüßlein, welches ich auf meiner
Schulter trage, muß ebendaſelbſt mein Schweſterlein
tragen, haben's von unſerm Vater, dem Bettler, ge-
erbt, ſchaut nur 'mal fein nach bei eurer Frau Lieb-
ſten!" - -
"Hört auf, Vater!" ſtöhnte Heinz und ſchlug mit
geballter Fauſt ſeine Stirn; "ich werde thun was ich
muß!"

Jm ſeligſten Liebesrauſche koste, einige Tage nach
dem eben erzählten Zwiegeſpräche, das neuvermählte
Paar in dem noch hochzeitlich geſchmückten Hauſe. Die
edlen Hochzeitsgäſte waren, nachdem ſie manchen tiefen
Trunk auf das Verderben der aufrühriſchen Bauern
gethan, längft wieder zu ihren ſorgſam bewachten Bur-
gen heimgeritten und der Ritter von der Schwalm
hatte nur noch Aug und Ohr für ſeine "holde, edle
Richenza," die ſo glücklich war wie er. - Selbſt der
Haß gegen das aufrühriſche Volk, welcher ſonſt die
ganze Seele des Ritters erfüllte, flammte jetzt nnr in
flüchtigen Momenten in ihm auf; er hatte kaum ein
Auge für das Straßenleben, welches täglich wilder und
bewegter wurde; mochten die "Pfefferſäcke, Hautſchaber
und Wollkrätzer," mit den Baueru und dem Geſindel
eifriger laufen und verhandeln wie je vorher, es küm-
merte den edlen Herrn wenig.
Er hatte nicht einmal auf die Schreckenskunde groß
geachtet, daß der Münzer ſich mit einem plündernden,
brennenden und ſengenden Haufen aufgemacht habe und
das ganze Eichsfeld zu überſchwemmen drohe, daß be-
reits viele Burgen und Klöſter in Aſche lägen, ja, daß
unter des Bettelheinz Führung, der die Wege weiſe,
ſelbſt der feſte Scharſenſtein genommen ſei. "Laß die
Hunde uur ausraſen!" hatte er zu der verzagenden
Richenza geſagt und ihr den bebenden Mund mit heißen
Küſſen geſchloſſen; "es wird ihnen früh genug blutig
heimgezahlt werden und an den Koſten für den ange-
richteten Schaden werden dieſe aufrühreriſchen Mühl-
häuſer und Heiligenſtädter Pfahlbürger zu tragen haben,
daß ihnen der Nacken kracht. Dein adelig Blut em-
pört ſich und flammt in Zornesgluth auf Deinen lich-
ten Wangen bei den Pöbelgreueln, die Du täglich
hörſt; aber ſei getroſt, mein ſüßes Herzblatt, wir wer-
den bald gerächt ſein; ſchau mal her, Richzel, dies
Brieflein hier, es iſt von ſeiner fürſtlichen Gnaden, des
Philipp von Heſſen eigener Hand, der Bodenhauſen hat

Und Du mußſt Dich rächen, Heinz, nicht wehr?"
rief der Alte mit feierlicher Stimme und leuchtenden Au-
gen "und Du ſollſt Dich rächen zu meinem und deinem
ewigen Heile nach dem Wort Gottes, das da ſagt: "Lie-
bet, eure Feinde ſegnet, die euch fluchen, thut wohl denen,
die euch haſſen, bittet für die ſo euch beleidigen und ver-
folgen, dann werdet ihr glühende Kohlen auf ihren Häup-
tern ſammeln. Mit ſolcher Rache, Heinz, haſt Dumein-
nen tauſendfachen Segen, mit jeder, andern meinen tau-
ſendfachen Fluch!"
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