Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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Wenigen, daß die ſchöne Jüdin im Herzen eine gläu-
bige Chriſtin geworden.

(Schluß folgt.)

ſein neues goldenes Kleid anziehen. Am Altare ſte-
hen große goldene Gefäße mit herrlichen bunten Blu-
men, und viele, viele Kerzen werden brennen. "Jch,"
fuhr er dann mit ſeltſamen Feuer ſort, "ich werde
auch miniſtriren und das ſchöne weißſeidene Kleid an-
ziehen mit den rothen Bändern und goldenen Flügeln.
Nicht wahr, Dora, Du freuſt Dich, wenn Du mich als
Engel ſiehſt?" Und Dora horchte eifrig zu und fal-
tete die kleinen Hände. Das Kind ſchien dann zu
beten.

Die Deitzin und die Kannegießern.

"Kannſt Du noch das Vater unſer?"
"Ja."
nd auch das Kreuz machen?"
"Ja, auch!" flüſterte noch leiſer Dora
"Zeige es mir, bitte, bitte!"
"Aber wenn es die Mutter ſieht!" wandte ſchüch-
tern die Kleine ein und ſchmiegte ſich feſter an den
Jugendfreund; "die würde mich ſchelten."
"Nein, nein, die Mutter iſt zu Hauſe," beruhigte
Eduard, "und ſie kann Dir auch nicht böſe ſein, wenn
Du eine Chriſtin werden willſt. Du mußt ja auch in
den Himmel kommen, ſonſt ſehen wir uns nicht wie-
der, wenn wir ſterben!"
Und Dora betete dann und küßte mit kindlich
gläubiger Andacht ein kleines Metallkreuzchen, das ihr
Eduard geſchenkt hatte.
Verſtohlen ſich umblickend ſchlich das Mädchen mit
ihrem Geſpielen in die ſchön geſchmückte Kirche und
Eduard zeigte ihr die ernſten Heiligen mit den langen
weißen Bärten, die bausbäckigen Engel mit weit ge-
öffneten Flügeln, und die Mutter Gottes. Mild blickte
dieſe herab auf die Betenden, und das Jeſuskindlein
hatte ſerne vollen Arme um den Nacken der Gnaden-
mutter geſchlungen und lächelte ſo ſanft zu den An-
dächtigen herab. Da rauſchte es vom Chor. Harmo-
niſche Klänge in tiefen ergreifenden Accorden zitterten
bald wie des Sturmes Toſen, bald wie das leiſe Säu-
ſeln ſüßberauſchender Abendlüfte durch die Räume des
von Gläubigen erfüllten Gotteshauſes. Dort aus der
Thüre kam ein Herr mit weißem Haare, mit mildem
verklärtem Antlitz, im goldenen Gewande, und ihm
folgten goldgeflügelte Engel ... der eine war Eduard!
Da ergriff es ſo ſonderbar der kleinen Dora Herz.
Laut hätte ſie aufſchreien mgen vor Freude, hätte
hineilen wollen zu ihrem kleinen Geſpielen, um mit
ihm auch ein Engel zu ſein. Aber ringsum lag Alles
in tiefer Andacht auf den Knien, und Eduard ſah jetzt
auch ſo ernſt aus. Heftiger preßte die Kleine ihre
Händchen gegen das ſtürmiſch pochende Herz, dann
ſank auch ſie in irgend einem dunkeln Winkelchen auf
die Knie und machte das Zeichen des Kreuzes, wie
Eduard die Jüdin gelehrt hatte.
Viele Jahre waren auf dieſe Weiſe den Glück-
lichen verſtrichen. Die Gluth der Jugend kettete die
Beiden noch inniger zuſammen, als es bereits der
Kindheit Unſchuldstraum gethan. Die Umgebung war
an das geiſtige und geſellige Zuſammenlebea der her-
angewachſenen Kinder gewöhnt, aber es entging nur

Kannegießern: No, wo ſchteckt Se dann, Deitzin?
Jch hab Se jo hunnert Johr nit g'ſehe. Was gibt's
dann Neies, wann ma froge derf?
Deitzin: Neies? Du liewer Gott! Sie kennt doch
unſer Heidlberger Winterſemeſchter. Alles dod und
ſchtill, Kannegießern. Wann ich mer die Heidlberger
Zeitung un de Anzeiger nit halte dhät, wär ich ſchun
g'ſchtorwe for Langweil. Mein eenzigi Unnerhaltung
is noch deß Schtickl Kerchebuchauszug, deß ma die
Blätter alle Dog bringe. So e Schtickl Kerchebuchaus-
zug alle Dag macht ſich gar ſo ſcheen.
Kannegießern: Ja, wem's g'fallt Deitzin. Jch
for mein Dheel will awer die Kerchebuchneiigkeite gleich
ganz hawe. Nit heit e Schtickl, un morge e Schtickl.
Jn Krähwinkl loß ich mer ſo was g'falle, Deitzin. -
No, hott Se ſunſcht nix uff'm Herze? Kee dreiloſi
Liebſchaft? Kee neii Brautſchaft?
Deitzin: Neii Brautſchaft! Du liebs Herrgottl!
Die junge Männer muß ma jo heitzudag mit de Hoor
zum Heirathe ziehge. Lees Se norr emool den Hei-
rathsg'ſuch, der am Dunnerſchtag im "Anzeiger" ſchteht.
Wart Se emool, ich hab mer deß Blatt d'r Merkwer-
digkeit wege in de Sack g'ſchteckt. Heb Se emool deß,
ich leeſ'r was vor. Alſo:
Heiraths-Geſuch.
Ein gebildetes Frauenzimmer von angenehmem
Aeußern und in den beſten Jahren, ſucht, da ihre an-
geborene Schüchternheit einen andern Weg nicht zuläßt,
auf dieſem Wege einen Lebensgefährten. Reflectanten
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