Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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haben. Jm Orte angebend, ſie wolle zu Verwandten
in einer fernen Stadt ziehen, machte ſie ihre nur noch
wenigen Sachen und ſonſtigen Kleinigkeiten zu Geld.
Der Erlös war gering, genügte aber ihre Schulden zu
bezahlen, die Reiſe bis nach S. und die ſonſtigen klei-
nen Bedürfniſſe des genügſamen Mädchens für mehrere
Wochen zu decken.
Der Weg nach S. war weit. Emilie kannte dort
Niemanden und war nie aus den Marken ihres klei-
nen ruhigen Wohnortes geweſen: aber nichts ſchreckte
mehr das ruheloſe bleiche Mädchen zurück. Zu ihm
mußte ſie, zu ihm um jeden Preis.

JJJ.

Wagen um Wagen rollte durch den weit geöffneten
Thorweg eines hübſch ausſehenden Hauſes in der
"Deutſchen Gaſſe" zu S. . . .. Seit mehreren Monaten
wohnte dort in Gemeinſchaft mit Herrn Bahr deſſen
beneideter Schwiegerſohn, der junge Apotheker Herr
Eduard D....z, welcher die Leitung des Geſchäfts be-
reits übernommen hatte. Jeder Wagen brachte neue,
feierlich geputzte Gäſte, welche mit fröhlichem Antlitz
unter Scherz und frohem Jubel die herrlich geſchmück-
ten Zimmer füllten und dem freudeſtrahlenden ſchönen
Brautpaare ihre Glückwünſche darbrachten.
Der Abend begann zu grauen. Mit feierlichem Ge-
pränge bewegte ſich der große Zug der bunten Hoch-
zeitsgäſte nach der nahen Kirche und verſchwand bald
im Jnnern derſelben. Viele Neugierige waren vor
dem Ausgange des Gotteshauſes ſtehen geblieben, um
die rückkehrende Braut zu ſehen, Andere aber in die
Kirche getreten, um der Trauung beizuwohnen.
Mitten zwiſchen den Hunderten, welche hier die
Neugierde zuſammengewürfelt, drängte ſich eine dicht-
verſchleierte Mädchengeſtalt. Unſchlüſſig blieb ſie einen
Augenblick vor der Kirchenthür ſtehen. Das Haus des
Herrn ſtand offen; ſie trat hinein; die Arme wollte
beten.

ſie nicht zu wiſſen. Selbſt wollte das Mädchen hin,
ſelbſt nach ihm ſehen, dem ihr Herz, ihr Leben, ihr
Seelenheil gehörten. Von dieſem Gange hing Alles
ab. Es war ein ernſter Gang, der Gang zum Para-
dieſe, vielleicht zur Hölle. Emilie ſchauderte. Die
Kirche ſtand offen, ſie wollte beten! Hatte nicht Eduard
ihr ſo oft geſagt, die Gnadenmutter ſei ſo barmherzig,
ſo gut, ſo himmliſch gut! Zu ihr wollte ſie beten, zu
ihr flehen um eine kurze Pauſe irdiſchen Glückes.
Dann, wenn ſie geſehen, daß ſie von Eduard noch ge-
liebt wie damals, wo er ihr geſagt: "Treu bis in den
Tod!" dann wollte ſie ſterben, gern ſterben. Aber
dort . . . war das nicht Eduard? Sie hätte rufen,
hätte zu ihm eilen, ſeine Knie umfaſſen, ihn beſchwö-
ren wollen, ſie nicht zu tödten, nicht ein Verbrechen
zu begehen, aber ihre Stimme, ihre Kraft verſagten.
Bleicher als je war Emiliie geworden. Ein ſelt-
ſames düſteres Feuer leuchtete in ihren Augen, und
immer tiefer grub ſie die Nägel ihrer Finger in die
Bruſt. -
Sie hatte geſchworen; die Trauung war zu Ende.
Mit glückſtrahlenden Geſichtern; wendete ſich das Braut-
paar zu der Erſtarrten. "Ah!" murmelte faſt tonlos
das bleiche Mädchen und erſchöpft ſenkte ſie das von
namenloſem Wehe entſtellte Antlitz auf die Bruſt.
"Verflucht ſei der Verräther:" ſtammelte die Un-
glückliche kaum vernehmbar. "Er hat mich um meine
Liebe und um meinen Glauben betrogen; ſeinetwegen
habe ich meinen Gott verleugnet und der Mutter Fluch
auf mein Haupt geladen!"
Langſam rauſchte der Zug an der Knieenden vor-
über. Emilie ſchaute auf ihr irrer Blick traf
Eduard. Auf ſeinem Antlitz ſpiegelten ſich Freude und
Jubel; der glückliche Bräutigam erkannte nicht das
bleiche Mädchen mit den eingefallenen Wangen und den
glanzloſen Augen; er erkannte ſie nicht, ſeine Dora,
den Engel ſeiner Kindheit, ſeiner Jugend, dachte nicht
an ſeinen Schwur.
Gleich einem drohenden Geſpenſt richtete ſich Emilie
empor. Ja, er war es, für den ſie ſo fromm gebetet,
den ſie geliebt, wie nur ein Weib lieben kann. Mit
einem Satze ſtand ſie bei dem Erſchreckten. Feſt um-
klammerte ihre Hand ſeinen Arm; die Verzweiflung gab
dem ſchwachen Weibe unnatürliche Kraft.
"Ungeheuer! Verräther! Mörder!" kreiſchte die Un-
glückliche und ſtarrte einen Augenblick dem vor Angſt
erbleichenden Manne glühend in's Antlitz; aber ihre
Seelenpein war ſtärker als ihr Körper und das Mäd-
chen ſank ohnmächtig zuſammen.
Mitleidige Menſchen trugen die faſt Lehloſe in ein
neben der Kirche ſtehendes Haus. Eine Matrone, die
Bewohnerin deſſelben, ließ der Unglücklichen liebevolle
Pflege angedeihen, und ſo Manchen erfüllte tiefes Mit-
leid für die arme Unbekannte, welche ſchnell zum Stadt-
geſpräch geworden.

Hundert flimmernde Kerzen verbreiteten einen hlen-
denden Glanz um den feſtlich geſchmückten Hochaltar, und
ringsum ſaßen und ſtanden geputzte Damen und Her-
ren. Vorn ſah ſie ein bräutlich bekränztes Mädchen,
und ,. "Heiliger Gott!" flüſterte die Verſchleierte,
"heiliger Goit!" . . . Sie hätte aufſchreien mögen,
aufſchreien mit einer Kraft, daß die Mauern der Kirche
eingeſtürzt und unter ihrem Schutt Alles zu Tode ge-
bettet hätten. Sie rieß den Schleier zurück, denn es
war ihr, als verſage ihr der Athem. Es ſchnürte dem
armen Mädchen Herz und Bruſt ſo feſt zuſammen, daß
ſie glaubte, ſterben zu müſſen. Das Herz, das arme
Herz that ſo entſetzlich wehe! Krampfhaft preßte ſie
die Hände gegen den heftig arbeitenden Buſen und ſank
gebrochen auf die Knie. Es war Emilie, die unglück-
liche Emilie!
Vor einer Stunde in S..... angekommen, ging ſie
aus, um Eduard zu ſuchen. Man hatte ihr geſagt,
es ſei blos eine Apotheke im Orte. Mehr brauchte

(Fortſetzung folgt.)
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