Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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chens dem jungen Manne entgegenleuchtete, belohnte
ihn hinlänglich für den Verdruß, den der Spott der
beiden Wüſtlinge ihm bereitet hatte.
"Kennen Sie die Herren?" fragte das Mädchen
"Jhre Namen ſind mir unbekannt, doch ſteht's ih-
nen auf der Stirne geſchrieben, daß ſie zu jener Klaſſe
zählen, die das Leben bis zum Uekerdruß genoſſen hat.
Der ältere ſcheint der Verführer ſeines Begleiters zu
ſein; Ster au iſt noch jung, ſeine abgelebten Züge
laſſen Spuren früherer Jntelligenz durchblicken."
Sie mögen Recht haben," verſetzte das Mädchen.
"Ueber ihn beklage ich mich nicht ſo ſehr wie über ſei-
nen Begleiter. Jch beſtieg heute Morgen gleichzeitig
mit Jhnen in Mannheim das Schiff, um zu meinem
Vater, welcher in Koblenz wohnt, zurück zu reiſen."
"Jn Koblenz?" fragte Friedrich. "Jch bin dort
ziemlich bekannt, dürfte ich vielleicht -
Mein Vater heißt Andreas Hecht. Sie kennen
ihn?"

Ein Schatten des Unmuths, glitt über die Stirn
des jungen Mannes, das Lächeln, welches vor wenigen
Sekunden noch ſeine Lippen umſpielte, wich einem dü-
ſtern Ernſte. "Jch kenne ihn," antwortete er mit eiſi-
ger Kälte, "ſein Name hat in den Rheinlanden einen
guten Klang. Sie ſind alſo ſeine Tochter, Fräulein
Bertha Hecht?"
"Sie kennen auch mich?" fragte das Mädchen er-
freut.

den Lippen ihn erwarteten. Dieſes Lächeln, in welchem
Spott und Geringſchätzung ſich ſpiegelte, erbitterte den
jungen Mann, der entſchloſſen war, die Sache des be-
leidigten Mädchens zu ſeiner egnen zu machen.
Nur näher, Herr Ritter!" höhnte der ältere der
Beiden, der den Vierzigen ſchon nahe ſtand, und deſſen
Züge den Stempel einer ſtürmiſchen Vergangenheit
trugen. "Beliebt es Jhnen, uns den Fehdehandſchuh
hinzuwerfen, ſo werden Sie uns bereit finden, denſelben
aufzuheben. Bevor wir indeß zur Sache übergehen,
erlauben Sie, daß wir einander vorſtellen, das erleich-
tert die Auseinanderſetzung. Mit wem habe ich die
Ehre?"
Die Röthe des Zorns übergoß das Antlitz des jungen
Mannes. "Mein Name iſt Friedrich Klein," ſagte er.
"Und ich habe das Vergnügen, Jhnen in meinem
Begleiter den Herrn Karl Sternau, wie in mir ſelbſt
den Freund deſſelben, Ernſt Feldner, vorzuſtellen. Alſo
zur Sache. Jm Namen einer beleidigten Unſchuld haben
Sie die Frage an uns zu richten -"
"Mein Herr, dieſe Frivolität ziemt Jhrem Alter
ſchlecht," fiel Friedrich ſich mühſam bezwingend ihm in
die Rede. "Jch habe weder eine Frage an Sie zu
richten, noch Genugthuung zu fordern, ſondern nur
Jhnen anzukündigen, daß dieſe Dame jetzt unter meinem
Schutze ſteht und ich jede Beleidigung derſelben als mir
zugefügt anſehen werde. Jch denke, dies iſt deutlich ge-
nug geſprochen."
"Vollkommen!" entgegnete Sternau, der in nachläſ-
ſiger Haltung an dem Geländer lehnte und mit einem
Blick verächtlicher Geringſchätzung den Anzug des vor
ihm Stehenden muſterte. "So deutlich, wie nur ein
Ritter vom Lande ſich ausdrücken kann."
"Wo liegt euer Schloß?" ſpottete Feldner. "Jch
irre wohl nicht, wenn ich vermuthe, daß der lederbe-
ſchlagene Comtoirſtuhl Euer ſtolzer Ahnenſitz iſt?"
"Jch ſchäme mich des Comtoirſtuhls nicht," entgeg-
nete Friedrich gelaſſen, "er iſt ehrenvoller als der
Armſeſſel des Wüſtlings. "Hohn und Spott ſind die
Waffen desjenigen, der ſich nicht zu vertheidigen weiß
und zu ſtolz iſt ſein pöbelhaftes Benehmen zu entſchul-
digen. Auf dieſem Felde mache ich Jhnen den Rang
nicht ſtreitig. Vielleicht durchkreuzen unſere Wege ſpä-
ter ſich noch einmal, alsdann werden wir ſehen, wer
von uns es am weiteſten gebracht hat."
Er wandte nach dieſen Worten mit ehrlichem Stolze
den Beiden den Rücken und ging hinunter in die Ka-
jüte, wo das Mädchen in peinlicher Ungeduld ſeiner
harrte.

"Nur dem Namen nach. Faſt jeder Kaufmann am
Rheinſtrome weiß, daß der reiche Weinhändler Hecht
nur ein eiaziges Töchterchen hat und dieſes einſt große
Reichthümer erbt."
"Pfui, wer wird ſo reden!" ſchalt Bertha, das
Köpfchen erzürnt zurückwerfend. "Jch bin für Sie
nicht die einzige Tochter des reichen Weinhändlers,
ſondern ein ſchutzloſes Mädchen, deſſen Sie ſich in
uneigennütziger Weiſe annahmen.
Hier, meine Hand, laſſen Sie uns Freunde ſein,
denken Sie, nicht das reiche Fräulein Hecht, ſondern
die einfache, ſchlichte Bertha bitte Sie um Jhre Freund-
ſchaft."
Friedrich ſah dem heitern Kinde lächelnd in's
Auge. Er konnte dem Mädchen nicht gram ſein; was
er auch im Herzen gegen den Vater haben mochte, der
Tochter durfte er's nicht entgelten laſſen. "Es ſei!"
erwiederte er, "Freundſchaft ohne Eigennutz!"
Bertha zog ein kleines, reich geſticktes Notizbuch
aus der Taſche ihres Kleides. "Nehmen Sie dies
als ein Andenken an dieſe Stunde," bat ſie. "Es
war für meinen Vater beſtimmt, nun aber gebe ich es
Jhnen, weil ich kein andres, paſſendes Geſchenk zur
Hand habe."

(Fortfehung folgt.)

"Gott ſei Dank, daß Sie endlich kommen," ſagte ſie,
erleichtert aufathmend, als der junge Mann vor ihr
ſtand. "Sie haben doch nicht meinetwegen mit jenem
Menſchen -"
Ein Duell verabredet?" unterbrach Friedrich ſie
lächelnd. "Beruhigen Sie ſich, ich werde nie einer pö-
belhaften Beleidigung wegen einen Menſchen zum Zwei-
kampf fordern. Eine derbe Ohrfeige iſt in ſolchen Fäl-
len die einfachſte und beſte Züchtigung."
Die Beſorgniß, welche aus den Augen des Mäd-
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