Heidelberger Volksblatt — 1.1868

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eſſelieree ſge eat.


r. 56.

Samſtag, den 19. December 1868.

1. Jahrz.

Erſcheint Mittwoch und Samſtag. Preis monatlich B kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Untereſtr. 9
und bet den Trägern Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.-

Der Contoiriſt.
Erzählung von Ewald Auguſt König
(Fortſetzung.)

beſchloß aber, dieſes Zerwürfniß zu ergründen und den
Vater zu veranlaſſen, das Unrecht, über welches Frie-
drich ſich beſchwerte, wieder gut zu machen. Mit fei-
nem Takt lenkte ſie die Unterhaltung auf ein anderes
Thema. Friedrich erſtaunte, als er im Laufe des Ge-
ſprächs entdeckte, wie bewandert das junge Mädchen
im Gebiete der Kunſt und Literatur war. -
Sie plauderten bis das Schiff in Koblenz landete;
Bertha nahm von dem Freunde Abſchied und war in
dem Gedränge bald den Blicken des jungen Mannes
eatſchwunden. Rur noch einmal ſah er ſie, als das
Schiff wieder abſtieß; ſie ſtand unterhalb der Ladungs-
brücke am Ufer und winkte ihm einen Abſchiedsgruß zu.
"Rührende Romantik!" verſetzte Feldner, der keinen
Blick von dem hübſchen Mädchen verwandt hatte. "Dem
Dom Quixote, der dieſe zur Duleinea erkor, muß ge-
waltig das Herz pochen."
"Vielleicht nicht ſtärker wie Jhnen, wenn Sie am
Spieltiſch das eintönige: "Messieurs, faites votre jeu!"
herbeten," erwiederte Friedrich, der, neben den Beiden
ſtehend, jedes Wort vernommen hatte. "Jetzt erkenne
ich Sie; im vergangenen Sommer ſaßen Sie am Rou-
lettetiſch in Ems, ein dienſtwilliger Gehülfe jener Peſt,
die ſo manchen Ehrenmann in der Blüthe ſeiner Jahre
hingerafft, ſo manche Familie in Verzweiflung geſtürzt
hat."

Friedrich nahm nach einigem Zögern das Buch und
barg es in ſeiner Bruſttaſche. "Es ſoll mir theuer
ſein und recht oft Jhr liebes Antlitz im Bilde vor mich
hinzaubern; ich werde Jhnen, wenn Sie erlauben, von
Eöln aus ein kleines Gegengeſchenk als Andenken an
mich zuſchicken.
"Sie reiſen nach Cöln?" fragte Bertha.
"Jch gedenke dort ein, vielleicht auch zwei Jahre
zu weilen," fuhr Friedrich fort, "je nachdem die Ver-
hältniſſe ſich geſtalten." Mein ſeliger Vater gab mir
vor drei Monaten auf ſeinem Sterbebett ein Empfeh-
lungsſchreiben an ſeinen Jugendfreund, der in Cöln
einem bedeutenden Handlungshauſe vorſteht, und jener
Herr hat mir in der ehrendſten Weiſe ein Engagement
angeboten. Jch habe weder Eltern noch Geſchwiſter,
bin alſo mein eigner Herr und an Rückſichten nicht
gebunden."

Bertha ſah ſchweigend vor ſich hin. Friedrich glaubte
in ihren Zügen zu leſen, daß ſie im Begriff ſtand, eine
Frage zu ſtellen, welche ſie ſelbſt einigermaßen in Ver-
legenheit ſetzte.
"Wir ſind jetzt Freunde," hob ſie endlich an; "ich
denke, es iſt recht und billig, daß Sie, nachdem ich
Jhnen meinen Namen genannt habe -"
"Jch war auf dieſe Frage vorbereitet," fiel der junge
Mann ihr in's Wort. "Jch darf Jhren Wunſch nicht
erfüllen, wenn ich nicht unſer gutes Einvernehmen
ſtören will. Nennen Sie mich "Friedrich" und ver-
trauen Sie meinen Worten, wenn ich Jhnen erkläre,
daß nur einige Differenzen zwiſchen mir und ihrem
Vater mich abhalten, Jhnen meinen Namen zu nennen."
"Einige Differenzen zwiſchen Jhnen und meinem
Vater?" fragte Bertha. "Welcher Art könnten dieſe
ſein? Die Theilnahme, welche Sie mir bewieſen haben,
wird Sie mit ihm wieder ausſöhnen. Was auch mein
Vater gegen Sie haben mag, ich werde -"
"Mein Fräulein, Sie bedenken nicht, daß das Un-
recht auf ſeiner Seite ſein kann," nahm Friedrich in
gemeſſenem Tone das Wort, "es iſt beſſer, wir reden
nicht weiter darüber."
Bertha, über die Kälte, welche in dieſen Worten
lag, betroffen, drang nicht weiter in den jungen Mann,

Purpurgluth übergoß das Antlitz Feldner's. Sie
war nicht die Röthe der Scham, ſondern die der Wuth
darüber, ſich erkannt zu ſehen und nicht die Mittel zu
beſitzen, ſchon jetzt den brennenden Rachedurſt zu lö-
ſchen. "Warte Burſche, das ſollſt Du mir bezahlen;"
murmelte er, während er ſeine Hand auf den Arm
Sternau's legte und dieſen mit ſich fort zog. Der
Stunde ſollſt Du fluchen, in der Du dieſe Worte ge-
redet haſt."
Friedrich ging, zufrieden, ſeinem Unmuth Luft ge-
macht zu haben, eine Weile auf dem Verdeck auf und
ab und nahm in der Nähe des Steuerrades Platz, um
ungeſtört ſeiner Unterhaltung mit dem ſchönen Mäd-
chen nachzudenken. Er ſah in dem Geiſte noch immer
in das liebe, unſchuldige Antlitz, in die dunkeln, ſeelen-
vollen Augen. "Wenn das Geſchick Dich mit ihr be-
kannt werden ließ, um Dir in ihr Deine künftige Le-
bensgefährtin zu zeigen! Wenn die Sympathie, welche
Dich zu ihr hinzieht, auch ihr Herz an Dich feſſelte!
- Thorheit!" rief die kalte Vernunft, als ſie das
Herz bei dieſem Gedanken ertappte. "Die reiche Erbin
wird der armen mitteloſen Waiſe nicht Herz und Hand
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