Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR EMANUEL VON SEIDL

HAUS IN STOLBERG »EINGANGSEITE«

ZEITGEMÄSSE RÜCKBLICKE UND AUSBLICKE

Es ist selbstverständlich, daß eine aufmerksame Be-
obachtung des künstlerischen Werdens einer Zeit
beständig auf dem Ausblicke nach all den zerstreuten
Keimen neuen Gestaltens sein muß. Ein gewissenhafter
Buchhalter wird aber auch nie versäumen dürfen, den
älteren Bestand zu prüfen, ihn darauf anzusehen, ob
er spurlos vergangen, warum das, was einst Blüten ver-
sprach, längst als taube Frucht verdorben ist. Die dem
gesamten Kunstleben aus der Not dieser Zeit erwach-
senen Hemmungen, deren Wirkung gerade in der Bau-
kunst noch auf lange hinaus wirksam bleiben werden,
zwingt vielleicht am ersten zu solchen Betrachtungen,
nicht etwa, um eine immer vorhandene Entwickelungslinie
zu gewaltsamem Zurückbiegen zu beeinflussen, nein, um
zu erwägen, ob ein vielleicht ein Jahrzehnt zurückliegen-
des Schaffen den Jetzigen in seinen inneren Werten schon
so fremd geworden, daß es ihnen nichts mehr zu sagen
hat. — Die kommende Zeit wird in ihrem Gestalten
unter dem Zwange stehen, daß schnell, viel und billig
erzeugt werden muß. Drei Forderungen, die jede für
sich zunächst wie Todfeinde wahrer Kunst anmuten, wenn
man die Maßstäbe anlegt, welche unser künstlerisches
Denken beherrschten, ehe die Zeit kam, da Mars die
Stunde regierte. Es läßt sich nicht leugnen, daß das Be-
streben, die Umwelt künstlerisch zu meistern, einem immer
weiter sich verzweigenden Gewächse glich, welchem der
materielle Aufstieg stets neue Schößlinge entlockte. Nun
aber wird ein starkes Beschneiden vieles zum Verdorren
bringen, wird die starken Hauptäste freier legen und das
Leben auf sie zurückdämmen. Das kann ein gesundes
Wachstum begünstigen, weil die zweifellos vorhanden
gewesene Zersplitterung der schaffenden Kräfte nach-

drücklichst beseitigt, und das ganze künstlerische Ge-
staltungsvermögen wieder allein der Hauptaufgabe zugute
kommt, für deren Bewältigung die Mittel allein noch aus-
reichend sein dürften. So kann das schnell und viel
Schaffenmüssen manches von der Gefahr verlieren, die
von dort aus unsere Baukultur bedroht. Es liegt keine
Notwendigkeit vor, den übelriechenden Sumpf der Grün-
derjahre noch einmal zu durchschreiten. Das Empfinden
für künstlerische Werte war gewiß im letzten Jahrzehnt
noch nicht Allgemeinbesitz der Massen geworden; so
rosig sah die versunkene Welt nicht aus. Aber von
ihren Trümmern steht doch noch soviel, daß gegen ein
Versinken in platte Alltäglichkeit, wenn auch nicht immer
ein starkes Bewußtsein, so doch ein nicht zu unterdrük-
kendes Gefühl lebendig bleiben muß. Darum mag sich
der Zwang zur Verbilligung dem Streben zum Ein-
fachsten einen; in diesen Boden darf die Baukunst
eines neuen Deutschland ruhig ihre Wurzeln senken. —
Es wird immer für das baukünstlerische Schaffen be-
zeichnend sein, wie es den Anschluß seiner Schöpfungen
an die Natur sucht und findet. Daraufhin sehe man sich
das Gloriettl von Seidls eigenem Wohnsitze, das Haus
in Stolberg, die Werke Bruno Pauls, Baumgartens und
Franz Seecks an. Ist es nicht, wie ein Hereinholen all
der seelischen Werte, die im Blühen und Wachsen der
Natur ruhen, in die Wohnung, die sich all dem weit öffnet,
um mit Sonne, Blütenduft und Farbenpracht das Leben
in dem Hause zu befruchten? Dazu brauchts keiner er-
klügelten Zierstücke, dem drinnen eine Kostenquelle, dem
draußen oft ein Ärgernis. Mag eine harte Zeit sie weg-
räumen. Auch die bescheidensten Mittel können kulturel-
lem Aufstiege dienen.....dr. leonh. kraft-darmstadt.

1919. i.-ii. 6.
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