Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

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übersah nur zu leicht die
»fette Weide«, die rings um
sie herum lag, die nie ganz
abzugrasen ist, da sie sich im
Laufe der Zeiten stets von
neuem gebiert. So hat sie
sich nur zu oft von ihrer Zeit
und ihrem Volke getrennt
und geschaffen, was niemand
eigentlich so recht verlangte
und auch niemandem so recht
lag. Jetzt gilt es, wieder,
wofern auch diese Kunst
lebensfähig bleiben soll, in
erster Linie eine solche ins
Leben zu rufen, die inhaltlich
schon fesselt auch die, die
der Kunst bisher ferner stan-
den, in ihrem Empfinden dem
der Allgemeinheit entgegen-
kommt und qualitativ auch
die Besten befriedigt, mithin
eine Art Volkskunst zu schaf-
fen, die auch in weiteren
Kreisen Opferbereite finden
wird. Es gilt, die breite Kluft,
die sich zwischen Volk und
Kunst, zum Schaden beider
aufgetan, wieder zu schlies-
sen, die Brücke zum wirk-
lichen Leben zurückzuschla-
gen und dann wird auch für
diese Kunst die Sterbestunde
noch nicht geschlagen haben.
Denn eben auch die Liebe
zur Kunst währet ewiglich.

professor ernst zimmermann

A

REFORM U. VOLKS-
WILLEN. Für eine
Nation ist nur das gut, was
aus ihrem eigenen Kern
und ihrem eigenen allgemei-
nen Bedürfnis hervorge-
gangen, ohne Nachäffung
einer anderen. Denn was
dem einen Volk auf einer
gewissen Altersstufe eine
wohltätige Nahrung sein
kann, erweist sich vielleicht
für ein anderes als ein Gift.
Alle Versuche, irgend eine
ausländische Neuerung ein-
zuführen, wozu das Bedürf-
nis nicht im tiefen Kern der
eigenen Nation wurzelt, sind
daher töricht, und alle beab-
sichtigten Revolutionen sol-
cher Art ohne Erfolg. Ist
aber ein wirkliches Bedürf-
nis zu einer großen Re-
form in einem Volke vor-
handen, so ist Gott mit ihm
und sie gelingt. — goethe.

TORLAIBUNO. AUSFÜHRUNG i PÖSSENBACHER WERKSTÄTTEN

RAUMBESEELUNG
U. RAUM-EINHEIT.

War man bei Leuten ohne
viel Geschmack zu
Gast, und man wollte nach
der Mahlzeit in einem gemüt-
lichen Winkel plaudern, so
mußte man sich immer ins
Zimmer der Hausherrn zu-
rückziehen. Hier fühlte man
sich trotz mancher störenden
Einzelheit am gemütlichsten.
Der Raum bildete eine Ein-
heit, besaß Stimmung. Wo-
ran lag das? Eine Einheit
braucht einen Ansatzpunkt,
ein Zentrum der Kri-
stallisation. Schreibtisch,
Bücherbrett sind einheit-
schaffende Faktoren in jedem
Herrenzimmer. Die Arbeit
des Besitzers steht im Mittel-
punkte der Raumgestaltung,
war maßgebend bei der Stel-
lung der Möbel. Im so-
genannten Salon fehlt der
einheitschaffende Grundge-
danke. Das zierliche Näh-
tischchen wird dort gar sel-
tenbenutzt. Zwei Garnituren
schaffen neue auseinander-
sprengende Größen. Das
Klavier vermehrt die tonan-
gebenden Vielheiten. Wird
in diesem Salon (meist der
kalte Schrecken in seiner
dauernden Unbenutztheit für
Bürgerwohnungen) wie im
Herrenzimmer die Arbeit,
die Geselligkeit und ihre
richtig erkannten Bedürfnisse
bestimmend, dann schadet
kein Vielerlei der Stile, nicht
manche Geschmacklosigkeit,
Einheit ist vorhanden und
läßt störende Einzelheit leicht
übersehen. Das Rokoko be-
saß im Salon das Paradebett.
Hier ruhte die Hausherrin
beim Empfang der Gäste, in
seine Nähe zog man, wollte
man plaudern, Sessel und
Stühlchen. Damit besaß der
Raum seine Zentralsonne.
Mochten sich hie und da
Grüppchen absondern, an ei-
nem Tischchen zwei Abbe's
Schach spielen, für die Ein-
heit war gesorgt und damit
für die Gemütlichkeit und
die Stimmung des Raumes.
Die richtige Raumbestim-
mung erzeugt Stimmung.
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