Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

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DEUTSCHE BÜCHEREI IN LEIPZIG BLICK IN DEN GROSSEN VORTRAGSSAAL

RAUM- UND MÖBELNOT

Trotzdem die Menschenzahl sich um Millionen ver-
ringert hat, fehlt es an Räumen und Hausrat. —
Mit der Raumnot ist die Möbel- und Hausratnot
aufs engste verknüpft. Der Abbau der Kriegswirtschaft
hat erst eine geringe Menge von Rohstoffen freigegeben;
Lohnkämpfe und Streiks beeinflussen auch das am Boden
liegende Handwerk sehr ungünstig, viele kleine und mitt-
lere Werkstätten sind noch geschlossen, es fehlt an lei-
tenden Kräften, an Maschinen und Werkstätten, an Roh-
stoffen. Dabei wächst die Nachfrage, namentlich nach
Möbeln und Hausrat für die Kleinwohnung, trotz der
hohen Preise von Tag zu Tag; der Althandel blüht, die
Möbelämter der Städte können ihren Verpflichtungen
nicht nachkommen, die Lieferungsverträge der Schreiner-
innungen erweisen sich meistens als unerfüllbar. Was
bleibt anders zu tun, als sich auf irgend eine Weise, so
gut das eben geht, selbst zu helfen: Jungpaare wohnen
möbliert oder sind Dauergäste eines der Elternpaare.

Es würde nur von einer Unkenntnis der Sachlage
zeugen, wenn man heute die Wohnungs- und Möbel-
ämter oder Handwerker- und Lieferungsverbände, die
Bau- und Siedelungsgesellschaften zu größeren Lei-
stungsäußerungen als bisher antreiben wollte, da sich so
viele immer noch nicht zur Arbeit drängen, und eben so
viele noch nicht gelernt haben, ihre Ansprüche herabzu-

setzen und der Notlage anzupassen. Fehlt es im großen
und ganzen an tieferem Lebenswillen, an Verstärkung der
notwendigen Lebensgemeinschaft, so muß klugerweise
von behördlicher Seite alles geschehen, was dazu angetan
ist, Raum, Möbel und Gerät zu erfassen, wo sie bisher
der Lebensnotdurft nicht dienten. Die Behörden selbst
haben noch viele Gebäude in Besitz, deren Bestimmung
die Zeit überholt hat, oder solche, die als Hilfsbauten im
Kriege geschaffen, ihren Zweck erfüllt haben. Dafür
würde das etwas schärfere Zufassen der Zivilbehörden
wünschenswert sein, zumal, da die Eigentumsrechte an
diesem Mehrbesitz sich wesentlich zu Gunsten der All-
gemeinheit verschoben haben dürften. Die Arbeit der
verschiedenen Behörden müßte in diesem Sinne noch
viel mehr ineinander übergreifen.

Raumgewinnung wäre auch in vielen bestehenden
Bauten durch Herrichtung von höher liegenden Keller-
geschossen, in den meisten Dachgeschossen durch Dach-
ausschnitte mit Fensterausbauten zu ermöglichen, zumal
der Staat für diese Gewinnung von Wohnräumen Bau-
zuschüsse gewährt. Doch sind aber auch des weiteren
noch manche Gebäude vorhanden, die für Wohnzwecke
einzurichten wären; es sei an Gartenhäuser, nicht zuletzt
aber an die große Zahl von Vergnügungsstätten, Tanz-
sälen und dergl. erinnert, die mit entsprechenden Ein-
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