Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

KARYATIDEN IN HOLZSCHNITZEREI

NACH MODELL VON PROF. JOS. WACKERLE

DAS KUNSTLERISCHE ORNAMENT

Ornament ist Schmuck und Zierde, Das Wort weist
auf ein Element, das nur als Beigabe erscheint, um
den Reiz des Hauptwerkes zu erhöhen. Kein Zweifel
kann darüber bestehen, daß diese Erscheinungsform des
Ornaments die ursprünglichste ist. Bis die reine Zweck-
form durch ihre Linienführung, das rhythmische Zu-
sammenfügen gleichwertiger, vielleicht an und für sich
schmuckloser Teile, bis der Adel der Form allein als
Ornament im höheren Sinne empfunden wurden, war es
ein weiter Weg. Das Ornament umschlang nicht mehr
äußerlich die vorhandene Form, es quoll aus dem struk-
tiven Aufbau heraus, die Ornamentkunst wurde zur Kunst
schlechthin, wie vor allem in der Baukunst. Aber der
uralte Gedanke des schmückenden Beiwerks blieb leben-
dig, nur daß ihm ein verfeinertes Empfinden Grenzen zur
Wahrung des Gesamteindrucks zog. Die Ornamentfrage
wurde zu einer Frage des künstlerischen Taktes. Engt
man, um die Fülle der hier auftauchenden Probleme zu
beschränken, die Betrachtung auf ein Sondergebiet, das
der Bauplastik ein, so ergibt sich zunächst eine neue Be-
deutung des Ornaments. Es zeigt sich ein Ubergang von
der rein schmückenden Beigabe zur ornamentlosen Schön-
heit der reinen Konstruktionsform dort, wo sich das Or-
nament an den wichtigsten Knotenpunkten entwickelt, um

die allgemeine Funktion dieser Teile zu unterstreichen.
Kapitäle und Gesimse, wie jede Profilierung, sind Bei-
spiele dafür, Bauplastik in der ausgeprägtesten Form. Im
Verein mit der rein flächenfüllenden Ornamentik erwuchs
ein aufgabenreiches Arbeitsfeld, das nur Meisterhand be-
bauen konnte und bebauen sollte. Wer aber ist der
Meister, der hier führen und schaffen muß? Ein kleiner
Umweg durch das Gebiet der Verwendungsmöglich-
keiten rein schmückender ornamentaler Zutat wird
die Antwort leichter finden lassen.

Man hat das in der Ornamentik strömende Leben
überaus zutreffend mit dem des Märchens in der Dichtung
verglichen. Der Märchenton folgt eigenen Gesetzen, die
gewiß nicht unwandelbar sind, die aber jedem Versuche
einer Beeinflussung zu Gunsten bestimmter Ziele wider-
streben. Solche gewollte Förderung kann wohl Blüten
züchten, doch der kalten Pracht dieser Treibhauspflanzen,
die mit dem Verstände erklügelt, nicht aus dem über-
quellenden Herzens geboren sind, verschließt sich das
Gemüt. Gerade das deutsche Ornament ist dieser Ver-
standesdürre oft erlegen. Der Rationalismus griff dem
künstlerischen Singen und Sagen des Volkes tief an die
Wurzel, und wenn man die Gefahren der Materialisierung
gerade jetzt in unmittelbare Nähe gerückt sieht, so kam
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