Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

M. BALLIN-MÜNCHEN. ENTW; M. FELLER KREDENZ FQR WOHN- UND ESSZIMMER

EINFACHE WOHNUNGS-EINRICHTUNGEN

"V "[eben der Wohnungsnot gibt es eine Möbelnot: Not
J.\| an einfachen, billigen Einrichtungen für die Klein-
burger- und Arbeiterwohnung. Der Bedarf ist ungeheuer,
und wird zuverlässig in der nächsten Zeit noch weiter
ansteigen. Von den verschiedenen Möbelhäusern werden
Anstrengungen gemacht, diesem Bedürfnis zu begegnen.
Neuerdings hat die Münchener Möbelfirma M. B a 11 i n
eine Reihe von Einrichtungen zur Ausstellung gebracht,
die Wohlfeilheit und geschmackliche Gediegenheit in be-
merkenswerter Weise vereinigen. Der Architekt des
Hauses, Mathias Feller, hat die Entwürfe geliefert.
In seinen einfachen, massiven Formen lebt guter moderner
Geist. Der Grundsatz wurde durchgeführt, die ge-
wünschte Billigkeit nicht durch Milderung der geschmack-
lichen oder technischen Qualität zu erreichen, sondern
durch Einsparung an Materialkosten und Zierat, durch
weitgehende Ausnutzung maschineller Vorteile. Statt
der sonst üblichen, teuren Möbelhölzer wurden Fichte,
Föhre und Buche verwandt. Der Zierat beschränkt sich
auf profilierte Leisten und sonstige der Maschine zugäng-
liche Motive. In der Form ist bei aller Einfachheit das
Mögliche an gefälligem Aufbau und guter Linienführung
erreicht. Wo es angeht, beleben leicht geschwungene

Kurven das Bild. Den elementaren Ansprüchen eines
modernen Geschmackes ist überall Rechnung getragen.
Einen großen Luxus kann auch die einfachste handwerk-
liche Leistung bieten: uneingeschränkte Brauchbarkeit.
Er ist hier mit Erfolg angestrebt worden. Es sind an-
spruchlose, dienstwillige, freundliche, auf den Menschen
eingestellte Möbel; bescheidene, stille Hausgenossen, die
nach Kräften im Heim mitarbeiten wollen, sonst nichts.
Sie sind dabei nicht trocken und nüchtern. Sie haben,
trotzdem sie von der Maschine abstammen, Gemüt. Ob
sie schließlich an sieht- und fühlbarem Behagen viel oder
wenig hergeben, hängt von der Art ab, wie der Besitzer
sie im Licht des Zimmers verteilt, wie er Wand und
Tisch schmückt, wie er in ihnen wohnt und lebt. Eine
reiche Wohnung kann man sich kaufen, eine stimmungsvolle
und behagliche nicht. Man muß sie sich immer selbst
gestalten. Das ist eine Kunst, die viele Begüterte
nicht haben, die aber Arme und Begüterte haben können,
sobald sie lernen wollen und angebornes Gefühl an gutem
Rat schulen. In Zeiten wie der jetzigen, die hochwertige,
formenreiche Möbel für weite Kreise zu fast unerschwing-
lichen Luxusobjekten machen, sollte diese Kunst All-
gemeingut werden. Sie ist wichtiger als je vorher. - c h.
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