Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT DR. JOSEF FRANK-WIEN

WOHNZIMMER EINER MIETWOHNUNG

»DIE EINRICHTUNG DES WOHNZIMMERS«

rohnzimmer, die nicht nur Repräsentationszwecken
dienen, sind keine Kunstwerke und auch keine in
Farbe und Form wohlabgestimmten Harmonien, deren
einzelne Teile (Tapeten, Teppiche, Möbel, Bilder) ein
fertiges Ganzes bilden, in dem sie nun unauflöslich ver-
bunden sind; ein jeder neu hinzugefügter Gegenstand
würde hier auf jeden Fall unangenehm empfunden wer-
den und den einheitlichen Eindruck zerstören. Wohn-
zimmer sollen im Gegenteil Räume sein, die nicht nur
durch ein ganzes Menschenleben als Hintergrund und
Aufenthalt ihrer Bewohner mit ihren stets wechselnden
und sich entwickelnden Anschauungen dienen können,
sondern sie müssen auch im Stande sein, alle die Gegen-
stände, die die Bewohner in ihrer Umgebung haben
wollen, als organischen Bestandteil in sich aufnehmen zu
können, ohne den Charakter zu verlieren.

Diese Gegenstände, mit denen sich der Mensch um-
gibt, sind von zweierlei Art; die einen gehören der
alten Welt der Kunst und des Handwerks an, das sind
die ererbten Möbel, die Teppiche, Bilder und ähnliches.
Die andern entstammen der neuen Welt der Maschine:
die Lampen, Photographien, Bücher, Industrieartikel.

Einen Übergang zwischen diesen zu schaffen oder
gar beide zu einer Einheit zu vereinigen, ist nicht mög-
lich, denn ihre Entstehungsweise und infolgedessen auch
ihr Ausdruck sind von Grund aus verschieden. Einer-
seits die fühlende, aus innerster Uberzeugung schaffende
Hand des Handwerkers, der erfindet, was er schafft,
andererseits der rücksichtslos nach fremden Entwürfen und
fremden Willen, die ihm im Grunde gleichgültig sind,
arbeitende Leiter der Maschine; oder auch noch der zur
Maschine gewordene Handwerker unserer Zeit, der die
Zeichnungen der Architekten ausführt. Da er aber für
Menschen der verschiedensten und uneinheitlichsten Ge-
sinnung arbeiten muß und es jedem recht machen will,

geht seine eigene Überzeugung verloren und was wir ihm
ruhig anvertrauen können, ist nichts anderes als das, was
durch dieZeichnung vollständig festgelegt werden kann; das
ist sehr wenig, ist aber alles, was wir zu leisten im Stande
sind. Der grundlegende Unterschied zwischen diesen bei-
den Arbeitsmethoden kann nie genug betont, ihre Werke
können nicht genug von einander geschieden werden.

*

Eine unklare Erkenntnis von der Unmöglichkeit dieses
Ausgleichs hat in unserer Zeit, soweit noch an dem
Gedanken von Stil-, Farben- und Materialeinheit festge-
halten wird, zu einem starken Zweifel an dem Wert der
Wohnungseinrichtung unserer Zeit geführt. Es blieb
kein anderer Ausweg, als alles Neue zu vermeiden, das
sich mit dem der Handwerkszeit entstammenden Gerät
nicht vereinigen ließ; an dem will man aber festhalten,
denn das ist es, was unsseine Behaglichkeit der Ent-
stehung mitteilt. Man stellt deshalb seine Einrichtungen
mehr denn je aus Antiquitäten zusammen, die, wenn sie
auch verschiedenen Zeiten entstammen, doch duich die
Einheitlichkeit ihrer Entstehungsweise einheitlich wirken
und adaptiert sie, wenn es für den neuen Bedarf (z. B.
Lampen) nötig ist, ganz äußerlich, gleichsam den Zwang
betonend. Wie weit man in dieser Weise geht, hängt
von der Feinfühligkeit des Bewohners ab; aber an irgend
einer Stelle wird auf jeden Fall die Lücke zwischen den
beiden Welten sichtbar werden, die man so ängstlich
verbergen will. Und dann erkennt man, daß der einheit-
liche Wohnraum, dessen Teile ein einheitliches Ganzes
bilden, wie er in früheren Zeiten möglich war, in unserer
Zeit nicht mehr existieren kann. Unsere Wohnungen
bedürfen einer sehr großen Bewegtheit und Buntheit,
eines solchen Reichtums an Farben und Formen, an
Gegenständen und Materialien, daß sie jedes neue Ding
der beiden Arten so in sich aufnehmen können, daß er
nicht als Fremdkörper empfunden wird. Welcher Art
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