Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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XXX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

OKTOBER 1919.

DER »CECILIENHOF« IN POTSDAM

ERBAUT VON PROFESSOR PAUL SCHULTZE-NAUMBURG

Gewöhnlich erlebt man keine freudigen Eindrücke,
wenn man zufällig von einem Schloßbau des 18. Jahr-
hunderts kommt und auf einen solchen der Neuzeit stößt.
Im neuen Garten bei Potsdam ist das anders. Wenn man
an dem Marmorpalais, das Boumann und Langhans schu-
fen, vorüberwandelnd nach wenigen hundert Metern den
Cecilienhof, der 1917 bezogen wurde, in behaglicher
Breite vor sich liegen sieht, so wird man angenehm über-
rascht. Jenes mit seinem glatten Backstein und verblaßten
Marmor, nicht Fisch, nicht Fleisch, zu steif für einen
idyllischen Landsitz, zu trocken und kleinlich für einen
monumentalen Schloßbau, eine Mischung von holländi-
schem und klassizistischem Stilempfinden; dieser ein ein-
heitlicher Baukörper, der in seiner breiten Lagerung den
Eindruck behaglicher Abgeschlossenheit erweckt.

Es war ein guter Gedanke Schultze-Naumburgs und
des Bauherrn, daß sie für dieses Familienheim der kron-
prinzlichen Familie nicht den üblichen Schloßtypus der
französischen Renaissance wählten, sondern sich für
eine Baugruppe entschieden, die als Weiterentwicklung
der deutschen, durch das Eindringen der Renaissance
im 16. Jahrhundert abgebrochenen Profanbauentwicklung
angesehen werden kann. Ob dem Bauherrn dabei etwas
von der mit Fonthillabbeye anhebenden englischen Ent-
wicklung vorgeschwebt hat, bleibe dahingestellt; jedenfalls
ist er bei der Gesamtanlage des Cecilienhofes (nicht
in allem Einzelnen der baulichen Gestaltung und in der
Innenausstattung) den Ideen seines Architekten gefolgt.

Als ich die Pläne zum ersten Male sah, glaubte ich in
diesem fürstlichen Wohnsitz eine wichtige Stufe in der
modernen Bauentwicklung sehen zu dürfen. Denn bei
dem Streben unserer oberen Schichten, dem Beispiel des
Hofes zu folgen, würde der Bau zweifellos vorbildlich
gewirkt und Schule gemacht haben. Als bei uns um die
Wende des Jahrhunderts das Verlangen immer dring-
licher wurde, von dem plan- und ziellosen Eklektizismus
loszukommen, und das Stichwort ausgegeben wurde, daß
man mit dem »Erfinden« nicht weiterkomme, sondern
anknüpfen und weiterentwickeln müsse, schien es aller
Welt klar, daß man da anknüpfen müsse, wo der Faden
der natürlichen Entwicklung zuletzt abgerissen war. Aber
welche Stelle das sei, darüber war man sich leider nicht
einig. Die Schäferschüler, an ihrer Spitze Friedrich
Ostendorf, sahen diese Stelle in der Barockarchitektur
des 18. Jahrhunderts, andere aber im Klassizismus oder
in der Biedermeierzeit. Schon dadurch war die ersehnte
einheitliche Entwicklung unserer neueren Baukunst im
Keime zerstört. — Wenn man nach der Stelle sucht, wo
unsere heimische, seit den romanischen Anfängen stetig
fortlaufende Bauüberlieferung zuerst abgebrochen wurde,
so ist es zweifellos der Moment, in dem im 16. Jahrhun-
dert die Renaissance mit einem gänzlich anderen Raum-
und Formempfinden bei uns eindrang; und das Verlangen
ist berechtigt, die, wie die Albrechtsburg und der Fach-
werkbau zeigen, in der frischesten Entwicklung begriffene
Profanarchitektur weiter geführt zu sehen. Denn der

1919. X. 1.
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