Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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XXX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

SEPTEMBER 1919.

ARBEITEN VON LUDWIG CONRADI

VON PROF. DR. E. W. BREDT—MÜNCHEN

Da sich die Werke Conradisin den generellen Hoch-
stand unseres architektonischen Schaffens gut ein-
fügen, da Conradi auch zu jenen Künstlern gehört, deren
Schaffensgebiet nicht eng begrenzt — umfaßt es doch
Bauten und Gärten, Räume verschiedensten Zweckes,
Möbel, Geräte und allerlei Zier — mag einmal die Frage
aufgeworfen sein, wie im allgemeinen die Werke des
Architekten von heute zu bewerten sind. Ist doch zwei-
fellos eine Zeit eingetreten, die ebenso zur Rückschau
zwingt, wie zur freien von Vorurteilen zu befreienden
Schau in die nächste, gewiß nicht reiche Zukunft.

Zweifellos darf das, was unsere angesehenen Archi-
tekten in den letzten zwanzig Jahren etwa geschaffen,
ganz allgemein nicht gering bewertet werden. Ja wenn
Deutschland vor einen allgemein gültigen Richterstuhl
der Kultur gestellt werden sollte, brauchte es nur auf die
stolze und große Reihe der in den letzten Jahrzehnten
erschaffenen Bauschöpfungen, auf die Innenräume, auf
die Möbel — wie auf seine Druckwerke, seine Buch-
druckkunst verweisen, um ein höchst günstiges Urteil zu
erlangen. Eine solche Gerichtssitzung dürfte kaum auf
große Meinungsverschiedenheiten stoßen — das Urteil
wäre fast einstimmig, solange die großen, maßgeblichen
Gesichtspunkte im Auge behalten würden, die gut oder
schlecht im architektonischen Schaffen bedingen. Nicht
irgendwelche sentimentale also unklare Schwärmerei —
wie der altdeutsche Renaissancismus der achtziger Jahre
des letzten Jahrhunderts — hat unsere besten Architekten

schaffen lassen, vielmehr galt die freiwillige und geist-
reiche Unterordnung unter alle von Material, Land, Zweck,
Sitte, Lage gegebenen Forderungen als die, die deutsche
Baukunst bestimmende Führung. Freilich liebte der eine
mehr als der andere, gewisse formale Äußerlichkeiten
vergangener Zeiten hervortreten zu lassen, manche ließen
sich zu sehr, manche zu wenig von dem bestimmen, was
wir unter landesüblicher Tradition, unter »heimischer
Bauweise« verstehen, und wenn auch im allgemeinen eine
gewisse strenge Zucht, formale Schlichtheit ebenso rühm-
lich wie glücklich hervortrat — immer wurde noch von
einzelnen Architekten schwer gesündigt in der dekora-
tiven Überladung von Fassaden und Dächern, Portalen
und Fenstern. Aber alle diese Fehler da und dort können
nichts an dem allgemeinen Hochstand der deutschen Ar-
chitektur der letzten Jahrzehnte ändern. Ja wir können
nur hoffen, daß auf diesem Wege weitergegangen wird
und können gar nicht fürchten, daß durch die allgemein
eintretende Verarmung eine besondere Schädigung des
rein architektonischen Schaffens eintreten wird. Im
Gegenteil: Der andauernde Zwang der Armut wird die
überflüssigen Üppigkeiten der Formen da und dort, das
Arbeiten mit falschen Mitteln verbieten und den strenge-
ren Geist der letzten Jahrzehnte noch klarer und stärker
zur Geltendmachung und Formwerdung zwingen. —
Auch in Conradis Werken ist all das Gute klar zu
Tage getreten, was eben ganz allgemein von neuer deut-
scher Raumkunst zu sagen ist. Seine Formen sind nicht

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