Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT DR. JOSEF FRANK—WIEN SPEISEZIMMER MIT SILBER- U. GESCHIRRSCHRANK

MÖBELNOT UND MÖBELPREISE

Uber die Lage des Möbelmarktes brachte die »Frank-
furter Zeitung« folgenden Bericht aus Berlin: »Über
die Verhältnisse auf dem Möbelmarkt hatte die volks-
wirtschaftliche Abteilung des Reichswirtschaftsministe-
riums eine Rundfrage bei den größeren Preisprüfungs-
stellen veranlaßt. Für die Versorgung mit neuen Möbeln
hat sich dabei ein verhältnismäßig günstiges Bild ergeben.
Aus sämtlichen Berichten ergibt sich die Auffassung, daß
allenfalls von einer mehr oder weniger lebhaften Nach-
frage, aber nicht von einer eigentlichen Möbelnot ge-
sprochen werden könne. Dem großen Bedarf steht eine
zunehmende Erzeugung gegenüber, zu der eine Anzahl
Großbetriebe beitragen, die verhältnismäßig schnell von
der Kriegs- zur Friedensmaterialerzeugung übergegangen
sind. Die Versorgungsmöglichkeit bleibe aber noch
immer hinter dem Bedarf zurück. Auf dem Altmöbel-
markte kann dagegen die Nachfrage nicht im entferntesten
befriedigt werden. Hier herrscht der Wucher in allen be-
kannten Formen.« Hierzu bemerkt die Frkf. Ztg : »Über
die Preisgestaltung auf dem Möbelmarkt ist in diesem
Bericht nichts gesagt; wäre sie jedoch berücksichtigt, so
würde zweifellos ein klareres und den tatsächlichen Ver-
hältnissen gerechter werdendes Bild entstanden sein.
Die Preise, die für nur einigermaßen bessere Zimmerein-
richtungen gefordert werden, sind nahezu unerschwing-
lich. Für Möbel, die im Wege der Massenfabrikation
zum Teil in Großbetrieben hergestellt werden, die diesen
Fabrikationszweig neu aufgenommen haben, mögen die
Verhältnisse etwas besser liegen, aber auch bei diesen
fallen die unerhörten Materialpreise und die hohen Ar-
beitslöhne von vornherein ins Gewicht. Daß Möbel in
ansehnlicher Menge hergestellt werden, mag man gerne
glauben, es fragt sich nur, ob sie für einen ansehnlichen
Teil des Volkes noch erschwingbar sind. Nur aus der

Preissteigerung auf dem Markt für neue Möbel erklärt
sich die große Nachfrage nach Allmöbeln und damit der
Wucher, der bei solcher Lage heute nie auszubleiben
pflegt und dessen Wirkung vielfach städtische Möbel-
stellen abschwächen sollen.«

Aus unserem Leserkreis erhielten wir von Fachleuten
folgende Zuschriften: »Wie können denn die Möbel
billig sein? Alle Preisprüfungsstellen, Reichsstellen,
Volkswirtschaftliche Abteilungen usw. werden nichts
daran ändern, daß, wenn die Rohmaterialien um das
5—7 fache gestiegen sind, manche Materialien wie Leim
und Schellack um das 20fache, die Möbel eben uner-
schwinglich teuer werden. Wenn dazu noch berücksich-
tigt wird, daß die Löhne über das 4fache gegen die
Friedenspreise gestiegen sind, daß z. B. das Glas über das
10 fache, Schlösser und sonstige Zutaten ebenfalls um
ein Vielfaches, so ist es unzweifelhaft, daß Möbel immer
noch relativ billig sind, an den Verhältnissen der Lebens-
mittel- und der Bekleidungsindustrie gemessen. Dazu
kommt, daß die Arbeitszeit geringer geworden ist, und
sicherlich in vielen Betrieben auch weniger gearbeitet
wird. Wenigstens werden darüber sehr lebhafte Klagen
laut. — Sollten sich etwa Kommune und Staat darauf
werfen, Möbel billiger erzeugen zu wollen, so würde das
höchstens eine Steigerung der Peise in der Produktion
bedeuten. Bei dem Mangel an geeigneten Arbeitskräften
würden dadurch die Löhne noch weiter in die Höhe ge-
trieben werden und wahrscheinlich die Materialpreise
auch. Behörden sind nicht entfernt imstande, mit der-
selben Intensität zu produzieren wie ein Privatbetrieb. Der
größte Teil unserer Misere rührt von dem Eingreifen
der Kommunen und des Staates in den Produktionsprozeß
her. — Daß alte Möbel gesucht werden, ist das natür-
lichste Ding von der Welt, denn die sind fertig, und wir
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