Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ENTW. GERTRUD K1RMSE—BERLIN-SCHÖNEBERG KOCHE. AUSF.: R. BOHRA & SOHN-OFLSNITZ L V.

BILDUNG DURCH BILDER

Unser Verlangen nach Bildern ist schier unersätt-
lich. Unser Bildungshunger ist Bilderhunger ge-
worden. Unsere Straßen waren vorm Kriege durch die
Masse künstlerischer Plakate zu Bilderstraßen geworden.
Das Bild hat die Worte verdrängt oder sie doch zur
Nebensache gemacht. Kein Fest, kein Unterricht, keine
Erholung, Werbung, Mitteilung ohne Bilder. Aus Lese-
büchern der Natur, der Geschichte und Kunst wurden
Bilderbücher der Welt der Forscher, Genießer und
Künstler. Statt Gegenden, Orte, Menschen, Ereignisse,
Erfindungen zu beschreiben oder uns beschreiben zu
lassen, wechseln wir alljährlich Millionen bebilderter
Karten oder Zeitschriften. Selbst der Verkehr wird wort-
karger, bilderreicher. Wir sind stumm geworden in vielen
Fällen und doch mitteilsamer als je, schlichter, praktischer,
wahrer. Welche Berufs- und Gesellschaftsbildung ist
noch ohne solche Bilder denkbar? . . . Eine Wandlung,
die uns froh machen kann, die zu denken gibt, doch
viel noch fordert an Tat.

Vor Jahrtausenden einst wandelten sich die Bilder
des Lebens in heilige Ziffern, »Chiffern«, »Hieroglyphen«.
Worte waren nötiger als Bilder, in die wir nun alles Tote
wandeln. Alles wird lebendig im Bilde — das Bild
selbst wird Leben, Handlung, Natur. In den Lichtbildern

des rasch sich abrollenden Films feiern wir den trium-
phierenden Einzug einer Revolution der Kultur. Die ihr
vorangingen, die wahrheitbringende Photographie, die
schlichte Strichätzung, die malerische Netzätzung, haben
ihr den Weg bereitet. Endlich mußte der Ruf allgemein
werden: weg von allem Wissen, das wir nicht prüfen
können mit unseren Augen. Müde sind wir der Worte,
wir sind voll Verlangen zu schauen, uns selbst zu bilden
am frischen Quell der Bilder der Natur, der Tatsachen
und Ideale. Denn wer liest, will sich nur belehren
lassen, wer schaut und prüft, belehrt sich selbst.
Das ist das Verlangen, das Verheißungsvolle der Zeit.

Aber ist es denn neu? Und wird es wirklich so ge-
nährt und so benutzt, wie es uns nötig wäre, heilsam und
hocherhebend? Die Kinematographie ist neu, aber uralt
ist das Verlangen, aus dem sie geboren: zu bilden
das Volk durch Bilder.

Wie wir doch vergeßlich sind und eingebildet auf
unser Wissen und die Art unserer Belehrung. Aber nun
ist's Zeit zu erinnern, daß alle Kulturvölker, die vor uns
durch alle Jahrtausende so Großes geleistet, nicht durch
Lesen von Büchern sich erzogen und gebildet haben,
sondern nur durch das lebendige Wort, die Tat, durch
Monumente und Bilder. — Das Buch spielt in der Ge-
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