Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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XXX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

JUNI 1919.

NEUE MUNCHENER INNENAUSSTATTUNG

ZU DEN ARBEITEN VON H. PÖSSENBACHER

Deutsche und englische Stilreminiszenzen geistern durch
diese beiden Räume, edle Vergangenheit, in eine
kleinere Gegenwart gespannt, Zeugnis des retrospektiven
Geistes, der sich unserer Innenkunst immer stärker
zu bemächtigen scheint. Die Art, wie Vergangenes hier
genutzt wird, ist freilich sehr vorsichtig und weit entfernt
von der Nachahmung. Wenn dieses Herrenzimmer
an die Ausstattungsweise der Renaissance anklingt, so
spricht sich dies in keiner buchstäblich übernommenen
Form aus. Die Stimmung des Ganzen hat diesen Ton.
Das Holzwerk, die plastische Deckenausbildung sprechen
eine an jene Zeit anklingende Sprache, die Ornamentik
bewegt sich in dieser Richtung, manche schwere, ge-
drungene Möbelform hat das gesättigte, breite Gebahren,
das für Erzeugnisse jener Epoche charakteristisch ist. In
all diesem ein löblicher Abstand von den Stilkopien
früherer Zeiten. Die entscheidende Bindung gibt diesen
historisch gestimmten Räumen schließlich doch die mo-
derne kunstgewerbliche Gesinnung. Es ist neben breiter
ausladenden Motiven doch manche Einzelheit von modern-
sachlicher Stimmung da. Neben die Eloquenz der Orna-
mente treten betont schlichte Profile des Holzwerkes.
Vor allem spricht moderner Geist aus der handwerklichen
Echtheit und Qualität des Ganzen. Vornehme, tüchtige
Künstlerarbeit ist also fühlbar in dieser Schöpfung aus-
gebreitet. Trotzdem darf nicht verschwiegen werden,
daß ihre Lösung vor den höchsten Anforderungen, die
an modernes Schaffen zu stellen sind, nicht besteht.

Dazu ist ihre Abhängigkeit von Vergangenem zu groß.
Sie findet einen gangbaren, anständigen Weg zwischen
der Buchstäblichkeit historischer Form und moderner
Kunstgesinnung. Aber die Forderung intransigent mo-
derner Gestaltung muß aufrecht erhalten werden. Der
historizistische Zug in unserer Innenausstattung ist als
Tatsache anzuerkennen. Aber das Bewußtsein, daß un-
sere eigentliche Aufgabe nicht in dieser Richtung liegt,
darf darüber nicht verloren gehen. Zumal in einer Zeit, die
von unseren Innenkünstlern eine Umstellung auf neue,
ärmere Verhältnisse verlangen wird. Dazu ist ein Höchst-
maß an Gesinnungsreinheit nötig, Klarheit und Einheitlich-
keit der Grundlagen, Verständigung über die Ausgangs-
punkte. In dieser Zeit steht eine solche Leistung bei aller
Feinheit isoliert da, Produkt eines gepflegten, durchgebil-
deten Könnens, mehr als wohltemperierte Geschmacks-
leistung zu werten, denn als formzeugende und wei-
terführende Schöpfung. Wenn nicht der unmittelbare
Raumeindruck — den ich mir nicht verschaffen konnte —
der bloßen Abbildung wesentlich neue Momente hinzu-
fügt, ist das Ganze ein kultivierter Einzelfall ohne viel
allgemeine Bedeutung; es sei denn, man wolle diese darin
erblicken, daß hier an einem Beispiel gezeigt wird, in wel-
cher vornehmen, reservierten, selbständigen Weise wir
Historisches zu empfinden und anzuwenden gelernt haben.
Das Wesentliche liest sich im übrigen leicht aus den
Bildern ab. Sie erzählen von einer reichen, plastischen
Raumgliederung. Plafond- und Fußbodengestaltung,

1919. VI 1.
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