Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

Als vor einigen Jahren Nelly Brabetz, gleichzeitig mit
Jessy Hösel, in einer Sonder-Ausstellung des »Oster-
reichischen Museums für Kunst und Industrie« in Wien
zuerst in die breite Öffentlichkeit trat, konnte man auf
den ersten Blick erkennen, daß hier eine künstlerische
Persönlichkeit Schöpfungen darbot, die wirklich etwas zu
sagen hatten. Was damals der Künstlerin sofort den vollen
Erfolg sicherte, war, daß sie nicht als eine »Werdende«,
sondern bereits als eine gereifte Künstlerin auf den Plan trat.

Wie vorteilhaft unterschieden sich ihre Darbietungen
von den üblichen Schaustellungen zeitgenössischen Kunst-
gewerbes, wo neben manchem Vollendeten, Ursprüng-
lichen und kostbar Reifen so viel Unfertiges, Gesuchtes,
Tastendes zu sehen ist. Da war nicht ein Stück, das
nicht — sei es in Form, Farbe, Eigenart und Ausfüh-
rung — voll befriedigt hätte. Da gab es Stücke schlich-
tester Art mit zartem Blütengerank in duftigen, lieblichen
Farben und wieder Schöpfungen schwer und kostbar,
deren Form, Stoff und Farbe zu uns sprachen, als wollten
sie vergangner Zeiten Pracht und Herrlichkeit uns schil-
dern. Und doch nicht etwa Kunst aus zweiter Hand!
Nein! Der Geist vergangner Zeiten trieb hier neue Triebe!
Des Schönen ewig gleicher Hauch beseelte alte Kunst
mit neuem Geist!

Die Eigenart der Künstlerin ruht darauf, daß sie sich
nicht mit ein paar gelernten oder selbst erfundenen For-
men begnügt und immer wieder sich selbst kopiert, son-

dern als ewige wissensdürftige Schülerin mit inniger Be-
geisterung aus dem überkommenen Gut des Schönen
schöpft und es innerlich verarbeitet, um dann Neues zu
gestalten, das gleichwert ist dem würdigen Alten.

Das völlige Aufgehen in ihrer Kunst, die reine Lust
am Schaffen ist es, was sie zur Künstlerin macht. Bei
jedem Stück fühlt man heraus, was hier geboten wird ist
echte, reife Kunst. — Daß all ihr Können, all ihr Schaffen
sich wachsenden Erfolges freut, ist wohl begreiflich! Es
ehrt die Künstlerin und ehrt die Prager selbst, wenn
Nelly Brabetz' Werkstatt dort an erster Stelle steht. —
Nur einen Blick in deren reichen Schätze gewährt die
kleine Auswahl von Arbeiten, die unsere Bilder zeigen.

A

NIEDERLAGE DER QUALITÄT? (schluss von s. 18.)

Sind also die Ausblicke für die unmittelbare Zukunft
für uns keineswegs rosig, so haben wir doch auch keinen
Grund, vollständig zu verzweifeln. Erinnern wir uns nur
daran, wie es im Jahre 1871 war! Frankreich war mili-
tärisch und politisch geschlagen, und doch blieb es in
ästhetischen Dingen, namentlich in allen Fragen des guten
Geschmacks, noch über drei Jahrzehnte der Sieger über
die ganze Kulturwelt. Auch wir richteten uns, wenn wir
die gediegensten kunstgewerblichen Techniken oder stili-
stische Anregungen würdigen wollten, immer wieder
nach Paris, das nicht nur in den Fragen der Damenmode
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