Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

GEFORMTER RAUM.
Alles künstlerische Tun
geschieht abseits vom
Ablauf des täglichen Le-
bens: die Bilder warten in
den Galerien, die Dicht-
kunst in den Büchern,
die Musik schläft in den
Instrumenten. Alle diese
Ausdrucksformen der
Kunst müssen besonders
aufgesucht werden, ihr
Leben geschieht in einem
Abstand zu unserem Da-
sein, der ihre dauernde
und eindringliche Wir-
kungsfähigkeit behindert.
Anders die Baukunst.
Wo wir auch sein mögen,
wo wir gehen und stehen,
essen, arbeiten, schlafen,
wo wir ruhen und war-
ten, reisen und wandern,
überall ist geformter
Raum um uns. Durch
die Zweckbestimmung
der Baukörper erhält die
Baukunst eine Wirkungs-
fähigkeit, die jede andere
Möglichkeit künstleri-
schen Ausdrucks uner-
meßlich übertrifft. Wir

ARCHITEKT LUDWIG CONRAD1. EINGANG D. HAUSES A.SCHUCHARD

brauchen die Bilder nicht
aufzusuchen, die Bücher
nicht aufzuschlagen, die
Instrumente nicht zu be-
rühren, aber wir können
nirgends dem geformten
Raum entfliehen. — In
dieser Unentrinnbarkeit,
in dieser Allgegenwärtig-
keit der architektoni-
schen Form liegt die un-
ermeßliche Macht ihrer
Wirkungsfähigkeit
begründet, zugleich aber
für den raumgestaltenden
Künstler das Bewußtsein
vom Ausmaß der Ver-
antwortung, die er
mit seinem Werke über-
nimmt. Das Möbel, das
Zimmer, das Haus, die
Straße, der Platz, die
Stadt, das alles ist ar-
chitektonische Form,
an der wir nicht unbe-
rührt vorübergehen kön-
nen, die überall durch
die Emanation ihres eige-
nen Wesens auch uns
dauernd wandelt und
gestaltet. — h.defries

»wohnstädte d. zukunft«.
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