Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

FORSTWARTH AUS. »IBUS-BAU«

AUSSTELLUNG »SPARSAME BAUSTOFFE«

DAS ORNAMENT UNSERER ZEIT

VON DR. PAUL ZUCKER. (SCHLUSS)

Die Antwort auf diese Fragen kann wohl nicht mit Sicher-
heit in dem einen oder anderen Sinne erteilt werden.
Mir persönlich scheint es, als wenn im Gegensatz zu den
Experimenten des Jugendstils und der Neu-Wiener Be-
wegung es sich diesmal tatsächlich um etwas grund-
sätzlich Neues handelt. Jugendstil und Neu-Wien glaub-
ten ihre Originalität vor allem durch radikalen Bruch mit der
Tradition beweisen zu müssen. Die jetzige Bewegung ist
erfreulicherweise in ihren Anfängen nicht so radikal,
gerade darum aber wohl echter und ursprünglicher.
Anregungen aus zeitlich und örtlich scheinbar ganz hete-
rogenen Stilbezirken wurden aufgenommen und weiter
gesponnen. Während Neu-Wien die beiden einzigen Mo-
tive des Herzblatts und der Glockenblume wieder und im-
mer wieder abwandelt, breitet sich jetzt gleich von Anfang
an eine unendliche Fülle von Formen. Neben der Weiter-
entwicklung flacher klassizistisch-antikisierender Grund-
formen (Mäander, Palmette, Volute) erkennen wir den
ganzen Schatz ostasiatischer Motive. Besonders an die
Auffassung, die das Rokoko diesen gegeben hat, wird
angeknüpft. (Chinesenfiguren, Papageien, Pagoden,
Brückchen, Wolkenformen, Schilfe und Gräser usw.)
Auch gewisse assyrisch-babylonische und byzantinische
Anregungen werden verwendet.

Die Eigenart des neuen stilistischen Ornaments läßt
sich nicht präzis begrifflich definieren — nur vielleicht
umschreiben: Am besten spräche man noch von dem
zackigen, hastigen, turbulenten Rhythmus der Einzel-
formen, die im Zusammenhang der Fläche zum Zusammen-
klang wird durch eine in großen Kurven und geometrischen
Figuren arbeitende architektonische Einteilung. Doch
gelte dies, wie gesagt, nur als Umschreibung und An-

deutung, — mehr als Worte vermag ein Blick auf irgend
eine ornamentale Neuschöpfung, wie sie in den letzten
Jahrgängen dieser Zeitschrift oft abgebildet sind, zu er-
klären. Dazu tritt für das graphische Kunstgewerbe im wei-
testen Umfange nun noch ein besonders neuartiges Moment:
der »Vortrag«, die Linienführung des Ornamentes ist
etwas durchaus Eigenwilliges, von allem Früheren ab-
weichend, dem Darstellungsstil des Expressionismus ent-
nommen. Ich meine damit jene eigentümliche Art lineare
und flächige ornamentale Motive zeichnerisch wieder-
zugeben, die man vielleicht am besten als einen Versuch
zu dynamischer Steigerung der Liniensprache auffaßt:
die Einzelform, das Blatt und die Ranke wird nach einer
Außenseite hin scharf konturiert gezeichnet, die Binnen-
form aber vom Rande weg nach innen zu immer mehr
aufgelöst, immer leichter, wolkiger, zarter und heller
behandelt. Diese hellen und luftigen, leichten Flächen,
in bestimmten Kurven geschwungen, verdichten und ver-
dunkeln sich überall dort, wo sie von anderen Formen
überschritten werden. An anderen Stellen wieder scheinen
besonders prägnante bedeutsame Details um sich herum
einen helleren formzersetzenden Schein auszustrahlen.
Fast alle neueren ornamentalen Plakate, Annoncen,
Bucheinbände usw. zeigen diese besondere, durch all-
mähliche Steigerung die Ausdrucksfähigkeit der Linie
aufs Höchste anspannende Art der Strahlung. Hier
scheint ebenso ein Kennzeichen ehrlicher innerlicher
Neuartigkeit ornamentaler Formung vorzuliegen, wie in
den weiter oben geschilderten synthetischen Variationen
historischer Formkreise.

Als eine Parallele zur neuen ornamentalen Gesinnung
ist auch die veränderte Stellung gegenüber dem Material
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