Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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XXX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MÄRZ 1919.

UMGESTALTUNG EINES BERLINER HAUSES

VON ARCHITEKT FERDINAND GÖTZ

Die Aufgabe war, ein Berliner Einfamilienhaus, in einer
der stillen Seitenstraßen des Tiergartens, den Wohn-
zwecken eines einzelnen Herren anzupassen. — Das Haus
ist in seiner ursprünglichen Bauanlage auf stark repräsen-
tative Wirkung gestimmt, mit all ihren Vorzügen und
Nachteilen — sicherlich zum Nachteil der Schlaf- und
täglichen Wohnräume: eine Reihe von großen Räumen
im Erdgeschoß, verbunden durch zu viele und zu riesige
Flügel- und Schiebetüren, die alle Wandflächen und Raum-
begrenzungen geradezu aufhoben. Die typischen Deko-
rationen im Renaissance-, Barock- und Rokoko-Stil waren
von stärkerer Wirkung, als die an sich nicht üblen Raum-
verhältnisse und die teilweise recht gut ausgebildeten
Türen, Fenster und Heizkörper — jene Elemente der
Innenausstattung, die von so weitaus stärkerer Schmuck-
kraft sind, als im allgemeinen erkannt wird, die bei guter
Lösung soviel an Kosten für feste und bewegliche Aus-
stattung ersparen helfen.

Diesem zuerst etwas hoffnungslosen Schauplatz stand
anderseits die starke Persönlichkeit des Auftraggebers
und künftigen Bewohners gegenüber, mit ausgeprägtem
Geschmack, sehr betonter Vorliebe für den Komfort des
außerberuflichen Lebens, impulsiver Zugänglichkeit für
die Flüchtigkeiten des Tages und einem erfreulichen Be-
sitz an vielen schönen und feinen Dingen der vergangenen
und eben verdämmernden Zeiten. — Die Spannung zwi-
schen diesen beiden Polen — dem Irgendjemandshaus und
der eigenen Wohnstätte — und ihre Vermittlung mag der
Arbeit in Vielem weit mehr zum Vorteil gereicht haben,

als jene Reibungslosigkeit, die heute häufig und falsch als
»Vertrauen zum Architekten« bezeichnet wird, aus der
sich dann meist das Haus des Architekten, weniger das
des Bewohners zu entwickeln pflegt.

Da aus den derzeitigen Verhältnissen die baulichen
Maßnahmen auf das Notwendigste beschränkt werden
mußten, so wurde nur da angegriffen, wo es für den reinen
Wohnzweck unumgänglich war: im ersten Stock zur Ver-
besserung der Schlafräume und ihrer Zugehörigkeiten,
sowie im Treppenhaus, das zum Zwecke der Auflichtung
der Eingangshalle mit dem Wintergarten in offene Ver-
bindung gebracht wurde.

Die Abbildungen geben eine ungefähre Anschauung
dessen, was mit Hilfe Münchener und Berliner Werk-
stätten und von Fundgruben, wie Bernheimer (Bibliothek)
und Gerson (Speise- und Damenzimmer) geschaffen wer-
den konnte. Im Speisesaal, dem obligaten, halbhellen
Verbindungsraum zwischen Vorder- und Hinterhaus,
wurde versucht, die schöne Stukkolustro-Technik zum
Leben zu wecken, vielleicht mit dem Erfolg, diesem etwas
freudlosen »Berliner Zimmer« durch mattglänzende, elfen-
beinfarbene Wände mit aufgetragenem Stuck in Korallen-
rot einen Schimmer der Heiterkeit seiner Zweckbestim-
mung zu verleihen. Eine unbrauchbare Kassettendecke
im Renaissancecharakter wurde durch eine glatte Tonnen-
decke unterfangen. Das Herbstrot des Brangwyn'schen
Bacchantenbildes klingt weiter in den niedrigen Mahagoni-
anrichten, einigen rostbraunen Stoffen und wird gesteigert
durch den chinesischen Bodenbelag: auf elfenbeinweißem

1919. III. 1.
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