Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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ERBACH

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Arme und Beine sind moderne, zu Rom ausgeführte Ergänzungen des deutschen
Bildhauers Trippel. Die ganze Figur offenbart hohes Selbstbewusstsein und edle
Majestät in dramatischer Wirkung. In das Postament ist ein ebenfalls aus Tivoli
stammendes landschaftliches Mosaik eingelassen, nach Professor Stark's Erklärung
eine Allegorie des vor der aufgehenden Sonne verschwindenden Morgensternes.

Eine andere Kaiserstatue zeigt den lebensgrossen Trajan in' der Friedens-
tracht der Toga als optimus ftrinceps, wie Plinius ihn nennt. Der Kaiser ist
sitzend dargestellt; die Rechte ist erhoben, die Linke trägt eine Schriftrolle. Der
Kopf wurde auf dem Palatin gefunden, der Rumpf kam in den Ruinen von
Hadrian's tiburtinischer Villa zu Tage. Die Verschiedenheit der Fundorte drängt
zu dem Gedanken an eine Zusammensetzung zweier unterschiedener Statuenbestand-
theile, zumal, der Torso seiner ganzen Beschaffenheit nach auch von einer Redner-
statue herrühren kann.

Unter den kaiserlichen Büsten verdienen Erwähnung, wenn auch nur in Kaiserbüsten
summarischer Kürze: ein jugendlicher Augustus mit leicht sprossendem Backenbart,
wohl noch als junger Oktavianus dargestellt; Tiberiiis, ebenfalls in jungen Jahren,
eine tüchtige Bildnissleistung aus der augusteischen Aera; Claudius in pelzver-
brämtem Gewände und stark ergänzt; Titus im Harnisch, worauf ein Medusen-
haupt, von trefflicher Erhaltung; Antoninus Pius, ebenfalls gepanzert, Doublette
aus dem Museo Clementino; Marc Aurel, Bruchstück einer Statue, früher als
Magnius Victor erklärt; Caracalla, aus Hadrians Villa bei Tivoli.

Bemerkenswerthe Büsten von Feldherrn und Staatsmännern sind: der sogen. Büsten von Fe,d-

. . . . _ herrn und Staats-

Miltiades, mit Stirnlocken und Barthaar von sorgfältigster Durchführung, römische männem
Nachbildung eines älteren-griechischen Originals; Scipio, mit scharfen Zügen vor-
gerückten Alters und dem Kennzeichen der Narbe an der Stirne; der angebliche
Sulla, ein durchgeführtes greisenhaftes Bildniss in Marmor vom feinsten Korn;
eine Rednerbüste, von Professor Braun als Cicero, von Anderen als unbekannt
erklärt; Julius Cäsar, stark ergänzt, im Ausdruck mehr an den Gelehrten als an
den Feldherrn gemahnend, neuerdings von der Kritik angezweifelt; Drusus

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Germanicus, als solcher von Visconti bestimmt, wird auch als ein Fürstenportrait
für die Diadochenzeit beansprucht; Drusus, des Tiberius Sohn, ehemals im Besitz
Sixtus' V, dann Eigenthum der Familie Negroni, 1780 für Erbach erworben.

Unter den Philosophenbüsten seien genannt: der sogen. Epikur, Portrait Philosophen-

büsten

eines älteren bärtigen Mannes mit strengen Zügen und halbgeöffnetem Munde;
das von Visconti als Lykon erklärte Bildniss wird neuerdings diesem Peripatetiker
abgesprochen und als das Portrait eines isthmischen Siegers in Anspruch genommen;
mit einem dritten Phiiosophenbildniss wird der Name Metrodor in Verbindung
gebracht, und ein viertes als das Portrait eines grübelnden Stoikers angesehen.

Den Schluss der Portraitfolge mögen vier Büsten vornehmer römischer Frauenbüsten
Frauen mit eigenartiger Haartracht bilden: Agrippina Germanici, Enkelin des
Kaisers Augustus, mit schmalem Reif um die Locken, deren Vertiefungen auf An-
wendung des Marmorbohrers schliessen lassen; Antonia Drusi, mit gewelltem
Haar, das von einer Spiralspange zusammengehalten wird; Sabina Hadriani, mit
banddurchflochtener, aus zahlreichen kleinen Zöpfen bestehender Frisur; Faiistina
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