Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 39.1923-1924

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THEODORE GERICAULT SELBSTBILDNIS

THEODORE GERICAULT

ZUM ioo. TODESTAG

Theodore Gericault war kein Liebling der
Götter; auch nach seinem frühen Tode ist
das Schicksal seinem Ruhm nicht günstig ge-
wesen. Der Begründer der romantischen Schule
und der ersteRealist in der französischen Malerei
des 19. Jahrhunderts ist nicht nur durch Größere,
sondern vor allem durch Meister, deren Leben
länger währte und glücklicher verlief, in den
Hintergrund gedrängt worden. Obwohl Geri-
cault in Charles Clement schon früh einen aus-
gezeichneten Biographen gefunden hat, ist sein
Name und sein Schaffen nicht so populär ge-
worden wie das Werk von Ingres und Delacroix.
Der Klassizist und der Romantiker haben dem
19. Jahrhundert das Gesicht gegeben. Ingres'
Name glüht im Banner des Neuklassizismus.
Die „Ingristen" der Gegenwart schwören auf
ihn, suchen sein Lebensgefühl, seine Ausdrucks-
form zu erneuern. Indem die Jugend von heute
diese Fahne der Zeit voranträgt, wendet sie sich
gleichzeitig, bewußt oder unbewußt, offen oder

heimlich gegen jene Ideale und Formensprache,
die die Namen Gericault und Delacroix um-
schließt. Wenn man das Grundsätzliche im
Kampfe dieser beiden Künstler und Weltan-
schauungen heraushebt, gewinnt man ein Bild
von der kunstgeschichtlichen und kunstpoliti-
schen Bedeutung Gericaults. Gleichzeitigergeben
sich die Gründe für die Erfolge und Mißerfolge
seines Wirkens. Verlief sein Leben tragisch,
endete es unbefriedigt, so teilt er dieses Schicksal
mit allen denen, die wie Nicolas Poussin, Blaise
Pascal, Honore Balzac, Emile Zola und Charles
Baudelaire wenigstens zeitweilig die klassizi-
stische Doktrin Frankreichs gesprengt haben.

Bezeichnen wir Gericault als Führer und Ver-
treter der romantischen Schule, so soll damit
nichts anderes gesagt werden, als daß er der Ex-
ponent einer historisch gewordenen Bewegung
war. Kein Künstler fällt vom Himmel. JederMaler
ist das Produkt seiner Zeit und seinerUmgebung.
Esist daher selbstverständlich, daß auch Gericault

Die Kunst für Alle. XXXIX. Febriwr -974

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