Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 40.1924-1925

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DAS VENEDIG DES VITTORE CARPACCIO

Ein deutscher Professor hat in dem Zeitalter,
da man historische Malerei im Geiste Pi-
lotys betrieh, den Satz geformt: „Die Kunst ist
berufen, die Geschichte aus dem Gedächtnis ins
Herz zu verpflanzen." Er dachte dabei wahr-
scheinlich an die bildlichen Rekonstruktionen
oder Konstruktionen mehr oder minder belang-
reicher Haupt- und Staatsaktionen, wie sie da-
mals überall betrieben wurden, und er halle
in diesem Sinne nicht Recht. W ohl aber halte
er Recht, wenn er den Satz in dem tieferen
Verstände des „saxa loquuntur" meinte, wenn
er anmerken wollte, daß Kunstwerke die besten,
jede archivalische Quelle an Schlagkraft und
Wirksamkeit weit hinter sich lassenden Zeugen
der Zustände und Geschehnisse, der Kultur ihrer
Zeiten seien. Unser am leidenschaftlichsten ar-
beitender Sinn ist das Gesicht: schaue ich in das
Bild eines alten Malers hinein, der ein frohge-
muter und geslaltungskräftiger Schilderer seiner
Umwell gewesen, so wacht durch die Mittler-
schaft seiner Kunst das verschlafene Y\ issen um
alte Dinge und Begebenheiten, um ferne Zeiten,
Menschen und Schicksale wieder auf und fuhrt
fortan in der lebendigen, die Persönlichkeit er-
füllenden, warmen ^ orstellung, nicht nur in hi-
storisch-statistischem Formalismus ein mannig-
faltigeres Dasein.

In dieser Weise erweckt das Werk des \ ittore
Carpaccio, des großen venezianischen Malers,
dessen Stern in den letzten Jahrzehnten des

Quattrocento emporstieg, das Kulturbild der
zauberischen Venezia, „der Königin der Adria",
wie sie sich in ihrem städtebaulichen Charakter,
in ihren Bauten, in ihren Menschen und deren
Aussehen, Erscheinung. Sitten und Gebräuchen
am Ausgang des 15. Jahrhunderts darstellte.
Auf Carpaccios unbefangen aus dem veneziani-
schen Staats- und \ olksieben gegriffenen Ge-
mälden, die auch dann, wenn es sich um Le-
gendendarstellungen oder biblische Motive han-
delt, die „Fabel", den thematischen Vorwurf,
nur als Y orwand benützen, um dalünter das
Leben und Treiben der eigenen Zeit aufzu-
hauen, ist uns das klarste Abbild der Kultur und
Zivilisation jener fernen Tage überkommen.
Zu dem umfangreichen Flolztafeldruckwerk des
Jacopo de' Barbari, das Venedig mit seinen
Plätzen, Gassen, Kanälen und Bauwerken plan-
artig aus der \ ogelperspeklive aufreißt, geben
die Gemälde Carpaccios und einiger seiner künst-
lerischen Freunde und Zeitgenossen die Staffage,
sie zeigen an, wie sich das venezianische Leben
der Nobili wie des gemeinen \ olkes in seiner
äußeren Erscheinung anließ, wie Paläste, Stuben
und Möbel aussahen, wie sich die \ enezianer
und die 'S enezianerinnen trugen, wie der Doge
in der Prozession schritt, wie es am Rialto, auf
der Piazza, an der Riva und am Canalazzo zu-
ging, wie sich die Sitten des Verkehrs darstell-
ten, von welcher Gestalt Schiffe. Barken, Waf-
fen waren und was solcher Dinge, aus deren Y iel-

Die Kunst flir Alle. XXXX. 8. — Mai 1925

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