Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Zur Einführung.

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wir noch in der Sturm- und Drangperiode
stehen, die uns nichts Geringeres als den
Stil der Zukunft bringen soll. In solch
kritischen Zeiten des Ueberganges machen
sich dicht neben dem geschmackvollen
Neuen, dem thatsächlich stilbildende Kraft
innewohnt, vorübergehende Modelaunen
breit. Und auch in den Erzeugnissen der
Gegenwart vereinen sich geniale Elemente
mit wunderlichen Excentricitäten, glück-
liche constructive und decorative Einfälle,
originelle Techniken, neuartiger Linien-
zauber und überraschende Farbenstim-
mungen mit aufdringlichen Extravaganzen
und argen Missgriffen.

Wie schwer ist es in solchen Zeiten für
den einfachen Kunstgewerbetreibenden den
rechten Weg zu finden, wie schwer ist ein
besonnenes, sicheres Urteil überhaupt für
jeden, der sich mit den neuzeitlichen, kunst-
gewerblichen Strömungen beschäftigt!

In der gewaltigen Umwälzung, die
sich auf diesem Gebiete unseres wirt-
schaftlichen Lebens eben vollzieht, will
auch unsere Zeitschrift, die es sich zur
Aufgabe macht, die Erzeugnisse der
Gegenwart zur allgemeinen Kenntnis zu
bringen, eine wohlwollende Beraterin und
eine vorsichtige Führerin sein.

Ueberflüssig wäre es, die stattliche
Zahl der revolutionären Zeitschriften und
Sammelwerke, die plötzlich auch auf

deutschem Boden entstanden sind, um eine
neue zu vermehren.

Was das deutsche Kunstgewerbe aber
nötig hat, ist ein Organ, das bei jedem
Anlasse auf die natürliche Entwicklung
des Kunstgewerbes hinweist, das nicht
jene Talente allein begünstigt, die sich
von allen historischen Herkömmlichkeiten
emancipieren, sondern das auch auf ein
Erkennnen, auf ein zeit- und zweck-
gemässes Neubeleben des Besten der
alten Zeit hinarbeitet, in der Ueberzeugung,
dass unserem Kunstgewerbe in technischer
und aesthetischer Beziehung dieses Mate-
rial stets unentbehrlich bleiben wird.

Und deshalb will die neue Zeitschrift
auch dem in Kirchen, öffentlichen und
privaten Sammlungen der Reichslande auf-
gespeicherten Formenreichtum aus allen
Jahrhunderten, als einem köstlichen An-
regungsmaterial, ihr ganz besonderes Au-
genmerk zuwenden.

Gefördert und getragen von dem
Wohlwollen der hohen Landesregierung,
unterstützt durch eine stattliche Reihe für
unsere Ziele begeisterter Mitarbeiter, alt-
bewährter und junger, emporstrebender
Kräfte, hofft die neue Zeitschrift, auf die
allgemeine Hebung des Kunstgewerbes
im Lande fördernd einwirken und zur
Veredelung des Geschmackes in weiteren
Kreisen beitragen zu können.

«f.
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