Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Dr. Forrer ■■ Die ersten Anfänge elsässisclien Kunstgewerbes.

heim an den von mir dort zahlreich
gesammelten alten Gefässscherben, die sich
zur Steinzeit in jenen, den Unterbau von
Hütten bildenden Gruben als Abfälle
aufgehäuft haben. Dieselbe Tendenz
mag zur selben Zeit sich auch an
Holzgeräthen, am Flechtwerk u. s. w.
geäussert haben, allein all' jene Dinge
sind der Zeit zum Opfer gefallen und
vergangen. Nur den Keramikresten jener
Epoche verdanken wir es, dass noch
heute jener Kulturfortschritt greifbar
documentirt vor uns liegt und studirt
werden kann.

Ganze Gefässe haben sich hier keine
gefunden; alle waren schon «Scherben»,
als man sie zum unnütz gewordenen Haus-
rath bei Seite warf. Aber viele dieser
Scherben lassen gut erhaltene Ornamente
erkennen und manche sogar noch die
Form des Gefässes reconstruiren. So er-
halten wir einen Einblick in die älteste
Kunstkeramik des Elsasses, denn was man
von solcher bis jetzt kannte, gehörte zu-
meist erstdemEnde der neolithischen Stein-
zeit, der Epoche der sogenannten Schnur-
keramik an. Was in Stützheim gefunden
worden ist, ist aber grösstentheils wesentlich
älter und fehlte bisher dem Gebiete Elsass-
Lothringens gänzlich.

Die Formen dieser Gefässe waren
kürbisrund und entsprechen denen der bei
Worms in Steinzeitgräbern gefundenen
Urnen. Auch ihre Ornamentik erinnert
vielfach durchaus an die von Dr. Kcehl bei
Worms constatirte « Bogen- und Zickzack-
bandkeramik ».

In Stützheim sehen wir nun zweierlei
Zierweisen nebeneinander herlaufen. Die
eine ist primitiver, ich möchte sagen eine
bäuerliche Keramik in Form roher grober
Gefässe, die durch Fingernageleindrücke
(Fig. i) und Einkerbungen (Fig. 2, 3 u. 7)
verziert sind. Es ist eine in den Schweizer
Pfahlbauten häufige Zierweise, die bereits
seit Jahren auch im Elsass vereinzelt
bekannt war. Die andere Art ist in Ma-
terial und Ausführung feiner und trägt
auf feingeschlemmtem Thon Bogen- und
Zickzackbänder und andere seltsame Linien-

gebilde eingeritzt (vgl. Fig. 4 u. 8, 9, 10,
u. 12). Ihre Gravirung geht oft sehr tief
und ist nicht wenig daran Schuld, dass die
Bruchstücke fast durchweg auffallend klein
sind, denn die tief gehenden Zierschnitte
leisteten dem Bruch förmlich Vorschub, und
in der That finden sich sehr viele dieser
Scherben gerade längs der Zierlinien durch-
gebrochen. Manche dieser Strichornamente
scheinen sofort nach der Modellirung des
Gefässes — die Töpferscheibe war damals
noch unbekannt — in den noch weichen
Thon eingeschnitten worden zu sein, andre
aber erst, nachdem das Gefäss bereits
einige Zeit dem Sonnenbrand ausgesetzt
gewesen und gehärtet worden war. In
wenigen Fällen scheint man diese vertief-
ten Linien mit farbiger Masse, weisser
oder roth gefärbter Kreide, ausgefüllt zu
haben.

Den Uebergang von der einen zur
andern Keramiksorte vermitteln Topffrag-
mente mit theils eingeschnittenen Linien,
theils einfachen Einkerbungen, die man
regellos um die obern Theile des Gefässes,
besonders auch um die Henkel gruppirte
(Fig. 3 u. 7). In einigen wenigen Fällen
hat man sogar auch die kleine Fläche,
welche der Buckelhenkel bot, mit Ver-
zierungen überdeckt (Fig. 6). Die Henkel
selbst sind bald einfache (Fig. 3), bald
doppelte (Fig. 5) Buckelhandhaben, bald
sind diese zum Durchziehen einer Schnur
oder eines Riemens durchbohrt (Fig. 6),
bald endlich ist der Henkel bereits so
weit ausgebildet, dass man bequem einen
Finger durchstecken kann (Fig. 10). Regel-
rechte Henkel, zum Einfügen mehrerer
Finger, haben sich in Stützheim noch
nicht gefunden; sie erscheinen erst gegen
Ende der Steinzeit. Gleiches gilt für die
ausgesprochenen Gefässränder, die an den
älteren StützheimerTöpfen gänzlich fehlen
und erst in den letzten Phasen der Stein-
zeit allmählich die Stelle der randlosen
Gefässe, wie wir sie oben kennen gelernt
haben, einnehmen. Auch die typische
Kürbisgestalt der ältern Stützheimer Ge-
fässe verliert sich in jenen spätem Epochen
und zeigt sich dann immer schärfer das Be-
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