Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 1.1900-1901

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Abb. 1 — Befestigte Kirche zu Arry im Landkreis Metz,
Museum der Stadt Met/, Sammlung Migette Nr. 165. n n o

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(Ein geschichtlicher Überblick)
von Archivdirektor Dr. G. WOLFRAM1.

JJem Wunsche der Herren Heraus-
geber, die Entwickelung des lothringischen
Kunstgewerbes in ihren Umrissen zu
zeichnen, bin ich gerne gefolgt, wenn ich
mir auch nicht verhehle, dass es noch
allzu sehr an Vorarbeiten mangelt, um
dem Bilde ganz klare und unverrückbare
Linien geben zu können. Von einer er-
schöpfenden Ausführung im Einzelnen
wird man vollends ganz absehen müssen.
Aber vielleicht trägt gerade der Hinweis
auf die Lücken, die die lothringische
Kunstgeschichte bietet, dazu bei, in sach-
kundigen Kreisen Interesse für dieses
bisher vernachlässigte Gebiet zu erwecken
und deren Mitarbeit zu gewinnen.

Die Geschichte der Kunst und des
Kunstgewerbes wird im Allgemeinen viel
zu sehr als eine in sich selbst bedingte
Entwickelung dargestellt, während sie in

1 Meine Ausführungen beruhen zum Teil auf
der ausführlicheren Studie, die ich als Einleitung
zu «Lothringische Kunstdenkmäler », herausge-
geben von Hausmann, veröffentlicht habe.

Aufsteigen und Verfall durchaus von wirt-
schaftlichen und von politischen Faktoren
abhängig ist Das sieht man recht deut-
lich an der lothringischen Kunst, vor allem,
wenn man sie mit der Kunst des Nachbar-
landes Elsass vergleicht. Die Kulminations-
punkte liegen hüben und drüben der
Vogesen in durchaus verschiedenen Zeiten,
wie auch in politischer und wirtschaftlicher
Beziehung die beiden Länder sich durch-
aus unabhängig von einander, ja oft gegen-
sätzlich entwickelt haben.

Nichts predigt eindringlicher die Ver-
schiedenheit des Volkstums der elsässischen
und lothringischen Bewohnerschaft als die
Kunst. Für das Elsass trägt sie in all und
jedem den Stempel deutschen Wesens, in
Lothringen jedoch ist leicht ersichtlich, dass
die Samenkörner von Westen herüber
geweht sind, dass aber auch die Daseins-
bedingungen, unter denen sich die Keime
und Blüten entwickelt haben, dieselben
waren wie im romanischen Nachbarlande.
Wenn auch unser heutiger Bezirk Loth-
ringen zu zwei Drittel germanische Be-

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